Vortrag: Die Liebe auf den Punkt gebracht.

A.N.: Was ist das Charakteristische der Liebe in der chinesischen Medizin?
Chinesische Medizin von ihrem innersten Wesen her zu begreifen, heißt, alles in ständigem Wandel begriffen zu sehen. Den Menschen zu sehen, wie er eingebettet ist in eine ständige Dynamik, in ständige Prozesse; den Menschen als Bestandteil des Kosmos zumsehen, und vor allen Dingen als einIndividuum, das in Interaktion steht, in ständiger Wechselbeziehung mit seiner Umwelt. Eine Unzahl von verschiedenen Faktoren wirken auf den Menschen ein. Der Mensch steht im Mittelpunkt. Hermann Hesse hat mal gesagt: jeder Mensch ist für sich ein einzigartiger oder der einzigartige Kreuzungspunkt des Universums.
Wir stehen – jeder einzelne von uns steht – zentral in der Mitte, wir arbeiten und leben mit dem, was auf uns zukommt, was auf uns einwirkt, mit den verschiedensten Faktoren und Impulsen.

Jeder Mensch in seiner Mitte ist ja das Ich, das Selbst. Dieses Selbst ist von der Theorie der Wandlungsphasen her die Wandlungsphase Wasser. Und wenn man wiederum die 5 Wandlungsphasen auf die ursprünglichen jahreszeitlichen Wandlungsphasen reduziert, nämlich auf die 4, dann ist das der absolute Ruhepunkt, wo sich nichts bewegt, das Selbst ist nur für sich alleine da.

Und erst wenn die anderen Menschen dazu kommen bewegt sich etwas, dann entwickelt sich der Mensch, dann tritt der Mensch in Interaktion mit der Umwelt, mit den anderen.

Da ist also einmal das Ich, und da sind die anderen, und die anderen, das ist quasi der „Gegenpol“ zum Wasser, die Wandlungsphase Feuer.

Und zwischen Wasser und Feuer, zwischen Yin und Yang, da entwickelt sich das Leben. Über Feuer und Wasser sprechen wir. Wir sprechen über Sexualität und Liebe, Schwerpunkt Liebe. Aber eins geht nicht ohne das andere. Das Ich ist der eine Aspekt, aber das Ich, das Wasser alleine kann nicht existieren ohne das Feuer.

Das Ich alleine, das wäre .. vielleicht könnte man sagen der Eremit, der in den Bergen lebt. Aber auch der ist nicht alleine, denn er hat als seine Umwelt den gesamten Kosmos.

Das ist vielleicht irgendwie ein Mensch, der im Urwald aufwächst oder keinen Kontakt hat mit anderen Lebewesen und dann in seinen sozialen Fähigkeiten und Bindungen und sicherlich auch in seiner Liebesfähigkeit für sich alleine bleibt.

Im Dao de Jing, Kapitel 42, heißt es ja: „das Dao schafft das eine, das eine schafft die zwei, die zwei schaffen die drei und die drei schaffen die zehntausend Wesen.“ Und dann geht es weiter: „diese zehntausend Wesen jedoch, sie kehren dem Dunkel den Rücken und umarmen das Licht“. Das ist der Weg, auf dem wir uns heute bewegen. Wir kommen von dem Einen, von dem Dao, von der Einheit, von der Zahl eins. Über die Zahl zwei – das Feuer und das Wasser – kommen wir zu dem, was sich zwischen diesen beiden Zahlen bewegt.

Die Zahl Eins, das ist der Strich im Chinesischen. Die Zahl zwei, das sindzwei Striche, die untereinander stehen. Das ist Himmel und Erde. Die Zahl Zwei steht für Yin und Yang, für Feuer und Wasser.

Und bei der Zahl Drei kommt dann ein dritter waagerechter Strich in der Mitte dazu. Das ist das Leben, die Dynamik, ist die Verbindung zwischen Yin und Yang, das ist das Qi.

U.L.: Drei ist auch die Zahl für den Menschen, für dessen Qi, und damit auch das, was Qi geprägt im Menschen Liebe macht, Liebe erfahren läßt. Und Yin und Yang, Himmel und Erde im Menschen als energetische Basis ist Jing und Shen.

Jing und Shen, Essenz und Geist sind eigentlich die energetische Basis und Grundlage dafür, daß wir liebesfähig sind.

A.N.. Vielleicht können wir die Begriffe klären?

U.L.: Klar, Fangen wir mit Shen an.
A.N.: Shen, der Geist, ist ein Einfluß, der vom Himmel kommt. Das
Schriftzeichen besteht aus der Zahl zwei – hier ist sie wieder, eins zwei – und der Zahl drei. Das sind die Lichtquellen, die am Himmel sind. Wie die Sonne, Mond und Sterne. Das heißt, alles Licht, günstige oder ungünstige Zeichen, die vom Himmel auf den Menschen oder auf die Welt einwirken.

U.L.: indessen der zweite Anteil heißt Shen, und Shen ist das sogenannte Phonetikum, also die Aussprache des Schriftzeichens. Und Shen stellt einfach ein Seil dar, das gestreckt wird mit zwei Händen und bedeutet ausdehnen, sich erstrecken. Es bedeutet auch, im Sinne der chinesischen Medizin, die Doppelstunde zwischen 3 und 5 Uhr nachmittags. Diese entspricht der Blasenzeit. Aber im Zeichen von Shen, Geist, ist es einfach nur die Ausdehnung von diesen himmlischen Einflüssen.

A.N.: Udo hat hier geschrieben (auf der Folie): die wie ein Blitz den aufmerksamen Geist erhellen. Shen ist die himmlische Kraft, die überall da ist, die unendlichen Möglichkeiten, die diese Welt uns bietet. Alles, was vorstellbar, oder eben nicht vorstellbar ist. Und der aufmerksame, ich sage mal lieber: der leere Geist – der wird erhellt, der wird durchströmt von diesem unermeßlichen Glück.

U.L.: Shen im Menschen und Shen für den Menschen bedeutet Präsenz, bedeutet die Möglichkeit, sich als Mensch zu präsentieren, und damit auch von irgendeinem anderen wahrgenommen, akzeptiert, geliebt zu werden.

Der zweite wichtige Aspekt für die Liebe und für die Energetik der Liebe ist das Jing, die Feinstmaterie oder Essenz. Jing hat als Radikal, also als Wurzel des Schriftzeichens Mi, und Mi bedeutet Reis. Reis hat etwas durch und durch Erdiges und Reis ist das einzige Getreide, das für sich ganz alleine, rein und unverfälscht, wächst. Bei anderen Mischgetreiden, wie Weizen und Roggen ist es durchaus möglich, das diese gemeinsam wachsen können, aber nicht beim Reis. Deswegen bedeutet Mi auch, erlesen, rein und unverfälscht.

A.N.: Der zweite Teil des Zeichens besteht aus diesem Zeichen Jing, was wir auch später nochmal wiederfinden werden bei einem anderen Terminus. Es heißt naturfarben, grün. Naturfarben, damit ist die erste Farbe der Natur gemeint, die erste, die uns überall draußen begegnet. In China finden wir als dominierende Farbe häufig ein lehmiges Braun. Braun, das ist nicht gemeint, sondern es ist gemeint das Grün, das Blaugrün des Meeres, die grüne Farbe der Bäume. Es ist die Farbe grün, die dem Holz, der Wandlungsphase Holz, und dem Entstehen des Lebens entspricht.

Dieses Zeichen wiederum, wenn wir es auseinandernehmen, besteht aus dem Zeichen für Wachsen – wachsen, gedeihen, entstehen. Und der untere Teil war früher, im alten Chinesisch ein alchemistischer Kessel, in dem versucht wurde, die Substanz der Unsterblichkeit zu finden, Und zwar hat man damals vor allen Dingen versucht Quecksilber umzuwandeln. Man hat viel mit Zinnober gearbeitet. Zinnober, als Farbe, ist die rote Farbe. Das heißt, in diesem Zeichen für grün, für das Holz steckt die Umwandlung in das Rot, die Farbe des Feuers schon darin, in diesem alchemistischen Kessel.

U.L.: Wenn man jetzt diese beiden Schriftzeichen zusammensetzt, dann ergibt das Jing, und Jing bedeutet rein, verfeinert, bedeutet unverfälscht, bedeutet Essenz. Es bedeutet aber auch der Samen im Mann und bei der Frau das sogenannte Yinwasser. Und in der ganzen Liebe und Sexualität der traditionellen Lehre geht es darum, daß sich die beiden Shen und die beiden Jing von Mann und Frau vereinigen, und so Harmonie entsteht.

A.N.: Shen und Jing heißt also Feuer und Wasser vereinigen sich in mehrfacher Art und Weise. Das wiederum wäre Qi – davon sprechen wir nicht. Feuer und Wasser vereinigen sich in mehrfacher, doppelter Art und Weise. Männlein und Weiblein vereinigen sich und jeder für sich braucht in der Sexualität Feuer und Wasser. Er braucht die Fortpflanzungsfähigkeit und er braucht die Wandlungsphase Feuer, nämlich die Liebe.

Feuer und Wasser – diese beiden müssen also zusammenspielen. Und jetzt will ich noch ein bißchen was dazu sagen, was das Feuer an sich noch bedeutet.

Ich hab vorhin gesagt, der Mensch und die Anderen. Der Mensch kommt also aus dem Wasser, aus dem Ich, aus dem Selbst und nähert sich über das Holz den Anderen. Und dann, im Feuer, in der Wandlungsphase Feuer nimmt er den Kontakt auf mit seiner Umwelt, er nimmt sie wahr, er fängt an zu kommunizieren. Und in diesem Augenblick hat er den Höhepunkt der Entwicklung, die Wandlungsphase Feuer erreicht und in der Aktion , in der Interaktion zwischen sich selbst und den Anderen, da entwickelt er sich selber auch weiter, er entwickelt sein eigenes Qi. Er ist also angewiesen, jeder Mensch ist angewiesen auf die Impulse, die von den anderen kommen. So ist er ein gesellschaftliches Wesen, und er entwickelt seine spezifisch menschlichen Qualitäten erst, indem er mit anderen Menschen zusammenlebt. Eine Banalität, aber es ist klar.
Und da entwickelt sich so etwas, was wir Kultur nennen – im Zusammenleben von Menschen. Ein wesentliches Merkmal der Kultur ist die Sprache. Die Sprache, die Möglichkeit mit anderen Menschen zu kommunizieren, die gesprochene Sprache und die Schriftsprache.

Das Kommunizieren passiert in der Chinesischen Sprache ganz hervorragend über die Schriftzeichen, deswegen geben wir uns auch immer sehr viel Mühe, diese zu erklären, ihre Bilder zu untersuchen und Bilder zu schaffen. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt in der chinesischen Medizin, daß die Inhalte eines Begriffes über die bildhafte Vorstellung des Schriftzeichens abgeleitet werden.

Sprache, gesprochene Sprache und Schriftzeichen sind also auch Aspekte des Feuers, der Wandlungsphase Feuer und charakterisieren den Austausch, die Kommunikation, die wir dann auch in der Liebe haben.

Wir hatten eben das Schriftzeichen für Shen besprochen und da stand unten ein kleiner Satz, der mit dem Erdenzweig, der neunte Erdenzweig, der das Schriftzeichen für Shen darstellt. Ihr erinnert euch vielleicht an dieses Schriftzeichen, der neunte Erdenzweig, der der Doppelstunde des Wasser-Yangs entspricht, nämlich der Blase. Die Blase gehört zum Taiyang, zum höchsten Yang, das ist der Höhepunkt, letzlich des Yang. In Taiyang. im höchsten aller höchsten Yang, da treffen sich die beiden Yang von Wasser und von Feuer. Nämlich Dünndarm und Blase. Es ist kein Zufall, daß dieser Erdenzweig in dem Schriftzeichen eine Rolle spielt.

Das höchste Yang, das allerhöchste Feuer, von dem wir sprechen, die allerhöchste Liebe, die explosionsartige Liebe, das ist das Taiyang, was explodiert, was nach oben hin zerstrahlt, sich dem Himmel öffnet und zum Himmel hin sich letztlich verausgabt.

U.L.: Gut – ich möchte jetzt ein paar konkretere Aspekte der Liebe darstellen, auch wie sie in China traditionell dargestellt werden oder wurden, was uns dann auch ein bißchen mehr auf den Punkt nachher bringt. Liebe ist ja so, wie wir das im Allgemeinen erleben, nie oder nur sehr sehr selten ganz harmonisch, sondern sie ist entweder exzessiv oder sie ist nicht vorhanden, oder sie ist romantisch.

Diese Zeichen, Ai, das steht im chinesischen für die sogenannte romantische Liebe, also die, die vom Herzen kommt, die romantisch, idealistisch ist und wenig zu tun hat mit Sexualität.

Das Schriftzeichen zeigt das Herz als Radikal und das Herz ist ja der Sitz sowohl des Geistes als auch unserer Gefühle. Und es zeigt daneben das Zeichen Shou und Shou bedeutet zwei Hände, die sich berühren, zwei Hände die sich empfangen, die sich ertragen und erdulden, die miteinander gehen. Dies kann man hier sehr schön auf diesem Bild sehen.

Das Gefühl ist hier durch und durch romantisch und man hat selber das Gefühl, daß es niemals vergehen sollte – deswegen sprechen die Chinesen auch vom verliebten Menschen als sie den Ai Ren. Aber dann wird man später in eine feste Beziehung gebracht, man heiratet, und dann sagen die Chinesen Fu Ren. Fu Ren ist eigentlich mehr oder weniger Pflichterfüllung, bzw. ist Dienst an der Frau, Dienst am Mann.

A.N.: Wobei, im alten China hatte das schon eine unterschiedliche Dimension. Ai Ren war die Geliebte, die man hatte, Zweit,- Dritt, Viert,-Fünftfrau, Fu Ren war die erste Frau. Im heutigen China benutzt man Fu Ren kaum noch, sondern man spricht nur noch von Ai Ren. Also ein Hinweis auch auf eine entsexualisierte Liebesbeziehung wie sie in China propagiert wird.

U.L.: Einen weiteren Aspekt, den wir bei Menschen, die sich begegnen und verlieben, sehen müssen, ist seine menschliche Natur. Sie wissen ja, daß es in China, nicht nur in China, aber dort ganz besonders, immer zwei verschiedene philosophische Richtungen gab, die miteinander gestritten haben, und zwar die des Xunzi, der sagte, der Mensch ist von Natur aus schlecht und böse und es ist wichtig, ihn auf den richtigen Weg zu bringen.

Währenddessen Mengzi, ein Schüler von Konfuzius, sagte, der Mensch ist von Natur aus gut und es ist wichtig ihm freien Lauf zu lassen, damit er sich mit seinen Möglichkeiten entfalten kann. Und dieses Schriftzeichen für Wesen und Natur eines Menschen, Xing, hat auch wieder als Radikal – wie sollte es auch anders sein – das Herz; und daneben das Zeichen Sheng und das bedeutet: eine Pflanze, die sich entwickelt – es bedeutet eigentlich auch Leben. Sheng kennen wir in den Zyklen der 5 Wandlungsphasen als Sheng-Zyklus, als Hervorbringungszyklus. Die Chinesen sagen, daß eben diese menschliche Natur, sein Wesen, eigentlich im Herzen entsteht.

Und wenn wir sie beim Anderen erkennen und wahrnehmen können, dann ist es möglich, miteinander zu schwingen.

A.N.: Der Begriff Sheng, so wie er da steht, ist zutiefst auch ein taoistischer Terminus, der sagt, daß der Mensch eben aus sich heraus wächst und sich entwickelt, also daß die Natur seinen Lauf geht im Menschen aus dem Herzen heraus, während man parallel dazu einen Begriff Ming nimmt als konfuzianistischen Terminus. Ming von MingMen. Dieses Ming, heißt, das Schicksal, das Glück des Menschen, das was vorbestimmt ist, oder das Lebensziel, was man erreichen kann.

Hier ist noch ein Begriff, der an und für sich zu Shen gehört. Ich hab vorhin gesagt, der Shen umfasst die Einflüsse, die vom Himmel kommen, die unermesslichen Reichtümer, die uns der Himmel schenkt. Das Schriftzeichen Ling besteht aus dem Radikal für Regen. Regen kommt bekanntermaßen auch vom Himmel. Darunter sind drei Münder und die Arbeit einer Zauberin. Wenn man hier diesen Teil des Bildes auf sich einwirken läßt, dann erkennt man drei Menschen. Drei Köpfe praktisch mit den Beinen, die da rumtanzen und von der ursprünglichen Bedeutung heißt das, daß hier drei Tänzerinnen einen Regentanz aufführen und um Regen bitten. Also schamanistischen Tänzerinnen, Zauberinnen, die den Himmel um Regen anflehen.

Drei Zauberinnen führen einen Regentanz aus und sprechen dabei magische Rituale. Dieser Bestandteil des Schriftzeichens hier oben, das Regenradikal, kommt in ganz vielen magischen Schriftzeichen vor.

Ling ist einer der schwierigsten Begriffe, was die Übersetzung anbetrifft von allen chinesischen Grundtermini, welche die geistigen Energien beschreiben.

Ling ist die Fähigkeit des Menschen, oder anderer Dinge auf der Welt, das Shen als Möglichkeiten des Himmels aufzunehmen und damit zu arbeiten. Jedes Ding auf der Welt hat mehr oder weniger Ling. Je mehr man eben aufnehmen kann von den Möglichkeiten des Himmels, vom Shen, desto mehr Ling hat man. Ling hat ein Stück Papier, Ling hat die Seltawasserflasche, Ling hat vielleicht auch der Overhead-Projektor, denn sie können alle irgendetwas bewirken. Ein Tier hat auch Ling. Je mehr man verändern kann, desto mehr Ling hat man.

Darum hat der Mensch auch viel Ling. Der kann zum guten und zum schlechten hin verändern/wirken. Wir Therapeuten haben vergleichsweise sehr viel Ling. Und am allermeisten Ling haben die Menschen, die zaubern können. Jeder Mensch, der behandeln kann, der heilen kann, hat Ling, und je mehr man heilen kann, je besser man heilen kann zeigt an, daß man sehr viel Ling hat. Aber man muß, um mit Ling arbeiten zu können, durchgängig sein, durchlässig sein für das, was von oben kommt vom Himmel. Dafür braucht man ein freies, ein leeres Herz.

U.L.: Wenn wir also definieren oder sagen, Ling hat etwas mit Magie zu tun, mit magischer Wirkung, dann übertragen wir das infach mal auf die Liebe und auf die Verliebtheit. Wir wissen alle, die wir uns immer wieder verlieben, das da auch etwas mit Magie dabei ist. Und bei diesem Ling, daß wir brauchen um attraktiv zu sein – dieses Ling in der Liebe vermittelt quasi Attraktivität. Man verzaubert jemanden. Und Eine( r), der es versteht, jemanden zu verzaubern, oder viele Leute zu verzaubern, der ist ein Magier. Dieser Mensch hat viel Ling. Und wenn wir im therapeutischen Sinne sagen, es ist wichtig Ling zu haben – auch beim Nadeln – dann meinen wir damit, daß wir mit jeder Nadel, die wir setzen, eine ganz konkrete Idee, bzw. Absicht verwirklichen wollen und wie ein Zauberer Energien in die richtige Richtung bringen wollen. Und je mehr Ling wir haben, desto besser gelingt uns das eben; Menschen z.B, welche die Fähigkeit besitzen, Hände aufzulegen und damit andere gesund zu machen, die haben sicher ganz viel Ling; Frau Münster war ein Beispiel dafür.

Es ist nicht zufällig so, daß der zweite Anteil des Nei Jing, nämlich das Ling Shu, was bedeutet: “ Achse des Ling“, daß dieses Buch den Begriff „Ling“ auch im Titel hat. Denn im Ling Shu geht es um nichts anderes als um die magische Fähigkeit, um die magische Wirkung der Nadeltherapie.

Gut – das waren jetzt die sogenannten positiven, notwendigen Aspekte der Liebe, die da sein müssen, um sich zu verlieben, um attraktiv zu sein, um sich göttlich zu fühlen. So ist es, wenn man geliebt wird.

Irgentwann wirds aber schräg. Und wenn irgendetwas schräg liegt, dann ist ganz leicht auch der Teufel da, ein Dämon, ein Geist, der Begehren, Begierden, Lust, Extreme iniziert.

Folien:

A.N.: Yu, das Begehren.

Das besteht einmal aus dem Schriftzeichen für Fehlen, für Mangel. Das istndieser Bestandteil des Zeichens. Der Zweite heißt Yu das Fleisch über dem Mund, die Oberlippe. Wir kennen das vielleicht auch aus dem Schriftzeichen für das Gu-Qi. Das sind die Lippen, die Oberlippe und der Mund darunter. Und wie es sich gehört, istdas Herz dabei, das Xin als Ursprung der Gefühle.

U.L.: Dieses Yu, das ist eigentlich unsere menschliche Natur, die wir aber, wenn wir das Dao wollen, wenn wir erleuchtet werden wollen, praktisch ignorieren müssen. Denn es sagt Laotse: nur wer begierdenlos, bedürfnislos lebt erfährt die Grenzenlosigkeit des Dao. Aber wer voller Sehnsüchte und Begierden ist, der erfährt nur die Begrenztheit der Welt in diesem ewigen Kampf der Polarität zwischen Ying und Yang.

Dieses Yu – Begierde – wenn das extremer wird, dann spricht man von Leidenschaft, denn ewig lockt das Weib und auch hier weiß man dann gar nicht, wohin man gucken soll. Auf einmal wachsen einem zwei Köpfe. Dann im Zeichen Qing, in der Leidenschaft, haben wir auch wieder das Herz als Vermittler aller Gefühle. Und wir haben als zweites ….
A.N.: ……das, was wir vorhin hatten, das Qing, das wir in dem Terminus für die Essenz hatten. Das heißt, es ist auch wieder so, daß dieses Herz nicht leer ist, so wie es sein sollte, sondern es ist gefüllt mit dem, was der Wandlungsphase Wasser entspricht, nämlich diesem ursprünglichen, im alchemistischen Kessel entstehenden, Begehren. Auch vorhin, im Terminus für Begehren war ja auch das Herz mit dem Fleisch letzlich gefüllt. Es war also auch nicht frei.

U.L.: Wir kennen ja die Qi Qing, die 7 Leidenschaften als einen wichtigen pathogenen Faktor. Das sind die sieben Emotionen, die eben pathologisch werden. Und diese Leidenschaften lassen das Qi schräg werden, lassen Liebe, lassen Beziehungen schräg laufen. Und schon ist man mittendrin in der Pathologie. Die nächste Steigerungsform in der Leidenschaft, folgt bald. Das Begehren, die Leidenschaft wird irgendwann zum Dämon, zu einem bösen Geist, zu einer Besessenheit.

A.N.: Gui ist das Gegenstück zum Shen.

Gui sind die unklaren Gestalten – ich versuch das immer im Unterricht so darzustellen: Gui sind die Wesen, die Gestalten, die man nachts sieht … oder nicht sieht. Wo man unsicher ist…. es ist stockduster draußen, man geht hier .. also ich wohn da unten in der Herrenmühle, da geht man viele
Treppen runter, dort ist es nachts stockdunkel, irgendwie so leicht benebelt
ist man sowieso. Und dann hockt da hinter jedem Busch vielleicht ein Gui.
Man weiß nicht genau, ist er da oder ist er nicht da. Aber sicher ist
sicher, man macht auf alle Fälle einen kleinen Bogen um den Busch. Gui sind
unklare undeutliche Gestalten – schemenhaft.

Als Gui werden die Deutschen und die Japaner in China bezeichnet. Wir sind
die schemenhaften irgendwie unklaren Gestalten.

Wir sind den Chinesen nicht ganz geheuer, mit dem was wir so machen, Kriege
anzetteln und Eroberungsgeschichten und … wir sind irgendwie eigenartig.
Die Japaner ja auch.

Gui – vom Schriftzeichen her heißt das: die flüchtige Gestalt eines Geistes.
Der kleine Haken repräsentiert die aufwirbelnde Luft, die der Drachen mit
seinem Schwanz hinten aufwirbelt. Aber es ist eben kein guter Drachen. Der
Drachen in der chinesischen Terminologie ist eine mächtige Yang-Gestalt.
Drachen in China sind alle Yang, kräftig, gut, positive Gestalten. Dieser
Drache hier ist eben Yin, dunkel, Tendenz eher etwas böse. Gui werfen keine
Schatten und halten sich in dunklen Ecken auf.

U.L.: Man muß aber sagen, daß die Welt, oder daß der Weltgeist sowohl Shen
als auch Gui beinhaltet. Die Welt ist voller Shen und Gui. Wichtig ist, sie
zu vereinigen, zu verbinden, harmonisch zu vereinigen. Deswegen lag damals
in China so ein Schwergewicht auf dem Ahnenkult. Da ging es darum, die
Seelen der Verstorbenen richtig zu bestatten, damit sie nicht böse werden
und als Spukgeister, als Gui, später den Lebenden irgendeinen Schaden
zufügen konnten.

Diese Gui und Shen, man kann auch sagen, die bösen Geister und die guten
Geister, repräsentieren bei uns im Menschen Hun und Po. Die kennen wir alle.
Hun ist die Geistseele, die in der Leber wohnt. Sie ist dem Shen ähnlich,
weil sie etwas Vergeistigtes hat, weil sie unsere Persönlichkeit nach aussen
hin repräsentiert.

Außerdem ist Hun verantwortlich dafür, wie wir mit Menschen umgehen, wie wir
Menschen wahrnehmen und wie wir unser Leben planen.

Währenddessen Po ist unsere Triebhaftigkeit. Po ist verantwortlich für Yu,
für Begehren, Po ist verantwortlich für Qing, für Leidenschaften. Aber auch
hier bei uns im Mikrokosmos ist es wichtig, Hun und Po zu vereinigen, d.h.
sowohl unseren Geist zu entwickeln als auch unsere Triebe zu befriedigen.
Das war den alten Chinesen immer ganz wichtig. Deswegen ist die einseitige
Festlegung auf irgendeinen spirituellen Weg, bei dem Po, die Triebe, die
Bedürfnisse vernachlässigt werden, immer ein sehr schädigender Weg.

A.N.: Wichtig ist dabei auch noch die Dynamik, die entsteht zwischen den Gui
und Shen und Po und Jing, bzw. den Essenzen, die in der Niere gespeichert
werden.

Die Hun-Seele – die ist das, was uns als Menschen zu Individuen macht, also
unsere Persönlichkeit formt. Das ist das, was ich vorhin gesagt habe, daß
das Ich sich öffnen kann gegenüber den anderen und eine Persönlichkeit sich
entwickeln läßt.

Die Hun-Seele, so heißt das im Su Wen, öffnet sich im Shen, d.h. sie
entwickelt sich zum Shen, sie geht nach oben, sie geht vom Wasser über das
Holz zum Feuer. Und wenn die Hun-Seele zum Shen geworden ist, dann löst sie
sich irgendwann auf, in den Weiten des Kosmos.

Shen ist dann auch das, was unsere Gedanken sind, unsere Fähigkeit, uns nach
aussen hin zu öffnen, und auch die Fähigkeit zu lieben. Es ist die Fähigkeit
zu lachen, sich zu freuen.

Diese Fähigkeit muß verwurzelt sein, die muß verwurzelt sein im Hun, muß aus
der Hun-Seele herauskommen. Das ist wichtig, diese dauernde Dynamik. Das
Feuer entwickelt sich aus dem Wasser und wird wieder zu Wasser.

U.L.: Und wir wissen ja von den Wandlungen der fünf Wandlungsphasen, daß
Wasser und Feuer letzendlich die tatsächlichen energetischen Ressourcen
darstellen, nämlich Jing und Shen, während Metall und Holz das darstellt,
was möglich ist. In diesem Fall eben Hun und Po. Die Beziehung zwischen
Metall und Holz auf geistig emotionaler Ebene, die unsere Liebesfähigkeit
und -möglichkeit ausmachen.

Die wenigsten von uns sind göttlich, aber die meisten von uns haben Triebe.
Deswegen ist es sehr sehr wichtig, besonders in unserer westlichen Welt, auf
die Po-Seele zu achten, weil zu viel Einsatz, Erleben und
Bedürfnisbefriedigung schwächt das Jing, schwächt die Essenzen und dann gibt
es nichts mehr, was dem Shen Nahrung und Wurzel geben kann. Und der Shen
fleucht und kreucht wahllos durch die Gegend und wir kriegen Shen-Symptome,
wie Schlaflosigkeit, Geistesverwirrtheit etc.

A.N.: Dieses von der Wurzel losgelöste Shen, wenn es sowas überhaupt gibt,
ist kein echtes Shen, denn Shen braucht die Verbindung zum Wasser, das Feuer
braucht die Verbindung zum Wasser. Und diese pathologischen Muster, wie
Schlaflosigkeit und sowas, das ist eben wurzelloses Shen, wo die Hun Seele
sich nicht mehr im Blut verankern kann. Ihr wißt vielleicht von der
Pathologie, daß die Hun-Seele im Blut lebt, im Blut und in der Leber
gespeichert wird. Wenn diese keine Wurzel hat, kein zu-Hause und keine
Heimat hat, dann irrt sie ruhelos umher. Das ist ein ruheloses Shen, ein
ruheloses Feuer, was sich scheinbar durchaus auch positiv bemerkbar machen
kann nach aussen hin. Solche Leute, die ein ruheloses Shen haben, die haben
durchaus auch Witz und Phantasie.

U.L.: Sowas nennt man dann ein Strohfeuer, das dann immer mal wieder brennt,
aber wo dann nichts dahinter steckt.

Der letzte konkrete Begriff, den ich eigentlich noch ganz kurz erklären
möchte, der zu tun hat mit Liebe in der chinesischen Sprache, das ist Lian,
die leidenschaftliche Liebe, und auch hier haben wir das Herz als Radikal,
als Mittelpunkt der Gefühle. Dazwischen stehen die Worte, die man spricht.
Es ist ja möglich, leidenschaftlich mit Worten seine Gefühle zu äußern.
Zwischen den Worten, die man benutzt, um seine Liebe darzustellen sind Mi =
Seidenfäden. Diese Seidenfäden, die Beziehungen verknüpfen, das ist mit
Lian, die leidenschaftliche Liebe, gemeint.

A.N.: Diese Verknüpfung, die die Wandlungsphase Feuer und die Liebe
auszeichnen sind eben die zwei Seidenfäden, sind die zarten Bande, die man
hat zwischen zwei Personen. Das ist die Wandlungsphase Feuer, die auf
Gegenseitigkeit beruht auf der Freiheit und gegenseitigen Offenheit der
Beziehung. Das sind ganz feine Verbindungen, die zwei Herzen verknüpfen.

 
A.N.: Jetzt kommen wir zum zweiten Teil: die Akupunkturpunkte, die was mit
dem Feuer zu tun haben, mit der Kommunikation, mit der richtigen und
falschen Kommunikation, mit Kommunikationsfähigkeit und letztlich dann auch
mit Liebe, Lust und Leidenschaft und was es da an physiologischen und
pathologischen Mechanismen geben kann.

Die Punkte, mit denen man Probleme des Shen behandeln kann, sind natürlich
einige auf der Herzleitbahn. Auf der Dünndarmleitbahn vereinzelt. Viele
Akupunkturpunkte, die was zu tun haben mit Exzessivität, mit einem
Emporsteigen des Feuers, mit einem exzessiven Feuer und einem überbordenden
Shen finden wir auf der Magenleitbahn. Punkte, die alle etwas zu tun haben
mit Irresein, mit Durchdrehen, mit etwas nicht verarbeiten können im
weitesten Sinne.

Wir wollen anfangen mit den Punkten auf der Herzleitbahn, mal sehen wie weit
wir kommen.

Wir charakterisieren die zum größten Teil mit Indikationen aus den
Klassikern, aus den Übersetzungen, die wir gemacht haben, aber geben
natürlich auch unsere eigenen Intentionen da mit rein. Wir fangen an mit
Herz 5.

Herz 5 heißt Tong-Li, d.h. freie Verbindungen ins Innere. Der Punkt ist
charakterisiert als Luo- Punkt, d.h. er hat die Eigenschaft, nach aussen hin
zu öffnen. Und von den klassischen Indikationen heißt es z.B. im Ling-Shu:
vom Tong -Li kommt ein Abzweig zur Dünndarm-Leitbahn. Wenn dort eine Fülle
ist, fühlt der Patient Völle in der Brust; wenn dort Leere ist kann der
Patient nicht oder nur sehr leise sprechen.

Im Zhen Jiu Da Cheng, ein Klassiker aus der Ming-Zeit, wird angegeben:
unglückliches Gefühl im Herzen, lang andauernde Unruhezustände, plötzliche
Stimmlosigkeit. Das ist ein Punkt, der in der Lage ist, das „sich öffnen“ zu
forcieren. Ein Punkt, der die Stimme löst, also gerade der Aspekt des
Kommunizierens wird durch diesen Punkt gefördert. Westliche Indikation ist
z.B. Stottern, wenn also das Herz sich nicht öffnen kann nach aussen.

U.L.: Und dann gibt es natürlich auch Menschen, die tragen ihr Herz auf der
Zunge und da ist es sinnvoller einfach auch mal etwas nicht auszusprechen.
Und auch dafür ist eben Tong-Li ein wichtiger Punkt bei dem Symptom, das wir
Logorrhö, Sprachfluß, Sprachdurchfall nennen. Und hier müssen wir den Punkt
natürlich dispergierend, sedierend nadeln – Xie Fa – einfach um diese freie
Verbindung zum Inneren ein bißchen zu stoppen.

Weil, wer einen freien Durchgang ins Innere hat, der will das alles
rauslassen, und redet und redet und redet. Und hier müssen wir ihm eben
einfach ein bißchen den Mund stopfen, indem wir also Tong-Li nadeln, Xie Fa.

Zum stottern noch einmal kurz: Herz 5 ist einer der wichtigsten Punkte, um
stottern jeglicher Art zu behandeln. Eine sehr gute Verbindung hier mit dem
Punkt Ren Mai 23. Ren 23 liegt oberhalb des Adamsapfels.

A.N.: Ren Mai 23 ist sonst auch bei Schnarchen angebracht. Also dem Partner
in die Kehle gestochen im Schlaf – mit Sicherheit hört der dann schlagartig
auf zu schnarchen. 100%.

Patient will sprechen, kann aber nicht – das ist eine wichtige Indikation
dieser Punktkombination. Einmal, wenn er zuviel spricht – da kann man dann
eine Kombination nehmen aus dem Zhen Jiu Da Cheng, ebenfalls, Herz 5 mit
Magen 41. Magen 41, der Feuerpunkt auf der Magenleitbahn, der in der Lage
ist, zu starkes Magenfeuer zu beruhigen.

Was hat das Magenfeuer mit dem Herzen zu tun?

U.L.: Das frage ich mich auch (lachen). Es gibt eine Verbindung, eine
Leitbahnverbindung zwischen Magen und Herz, und wenn das Magenfeuer zu stark
wird durch dietätische Fehler z.B. – zu viel Schnaps, zuviel fette Sachen,
zuviel scharf gewürzte Sachen – dann entsteht ein Magenfeuer und dieses
Magenfeuer kann dann aufsteigen zum Herz und das Herz und damit auch den
Shen unheimlich aufheizen, und aber irgendwann dann auch verwirren. In dem
Fall müssen beide Punkte natürlich Xie Fa – sedierend genadelt werden. Wenn
wir Herz 5 tonisieren, also Bu Fa, bedeutet es, wir machen den Durchgang ins
Innere und damit auch zu unseren Gefühlen frei. Wir machen den Durchgang
frei. Deswegen gibt es als weitere Indikation aus den Klassikern für Herz 5:
Seufzen und Kummer, depressive Verstimmung, ständiges Gähnen und Furcht vor
Menschen. Man zieht sich zurück, man will mit niemanden mehr zu tun haben –
alles Symptome, die auch entstehen nach einer enttäuschten Liebe. Und es ist
möglich, dadurch, daß wir dem Patienten wieder Zugang verschaffen zu seinem
wirklichen Inneren, daß wir ihn auch wieder kommunikationsfreudiger machen,
damit er wieder in der Lage ist, vermehrt auf Menschen zuzugehen.

A.N.: Eine weitere Indikation aus den Klassikern, aus dem Bai Chen Fu,
Kombination Herz 5 mit Niere 4: Patient spricht nicht und liegt müde im
Bett. In dem Sinne, wie Udo es eben gesagt hat, aber auch nach exzessiver
Sexualität, nach exzessivem Verliebtsein, wenn die Essenzen verbraucht
worden sind und auch das Shen verbraucht worden ist. Nach
leidenschaftlicher, exzessiver Liebe. Niere 4 mit Herz 5.

Der zweite Punkt, über den wir sprechen wollten ist Herz 6. Herz 6 heißt
Yin-Xi – in dem Namen steckt schon die Wirkung – er stärkt das Yin, hier ist
eine Yin-Spalte. Yin-Xi, die Yin-Spalte oder Spalte des Yin. Das heißt, in
diesem Punkt steckt schon ebenfalls die Verbindung zur Niere und zu den
Essenzen. Es ist also auch der Aspekt der Verausgabung da, der Exzessivität
– dann aber mit Symptomen des übersteigerten Yang. Yin-Schwäche mit
übersteigendem Yang. Also nicht wie bei dem Herz 5 beim Tong-Li die
Schwäche-Zustände, sondern die Ruhelosigkeit, die Schlaflosigkeit nach einem
Verbrauch des Yin.

U.L.: Wir wissen, das der Yin-Xi der Spaltpunkt auf der Herzleitbahn ist.
Die Xi-Spaltpunkte haben die Funktion, Qi und Blut innerhalb einer Leitbahn
und auch eines Funktionssystems wieder ins Fließen zu bringen. Sie sind
bevorzugt zu nehmen bei Fülle-Situationen, hier in diesem Fall zu starkes
Herz-Feuer. Wenn das also in Richtung manisches Verhalten geht, die
Leidenschaft also völlig in die Luft geht und die Sehnsucht so verbunden ist
mit Schlaflosigkeit, Gedanken-Kreisen: wo ist er, was macht er, betrügt er
mich? Das sind alles Zustände, die sich aus chinesischer Sicht darstellen
als Herzfeuer. Und wenn wir in dem Fall Herz 6 leicht sedierend nadeln,
wirkt das sehr stark beruhigend sowohl auf die damit verbundenen
körperlichen Beschwerden wie Herzklopfen, wie Schlaflosigkeit, aber auch auf
den seelischen Aspekt. Wir bringen den Shen zur Ruhe.

A.N.: Eine Kombination von Herz 6 hab ich aus dem Bai-Cen-Fu. Da steht: Herz
6 kombinieren mit Dünndarm 3. Wenn wir über Dünndarm 3 sprechen, dann fällt
uns ein, daß er eine Verbindung hat zu einem der Qi-Jing- Ba-Mai. Das ist
nämlich der Schlüsselpunkt des Du Mai. Der Du Mai stellt die Verbindung
zwischen Feuer und Wasser, zwischen Herz und Niere her. Er mobilisiert, er
bringt Yang-Energie aus der Niere nach oben in den Kopf. Kopf, Gehirn, Geist
– das ist das Oberste im Menschen. Das ist z.T. auch der Shen, wie er sich
projeziert im Kopf. Das ist das allerhöchste Yang. Und der Du Mai verbindet
Yin und Yang, aber er bringt auch Yang nach oben. Wenn wir den Dünndarm 3
tonisierend nadeln – Bu Fa – dann unterstützen wir diese Funktion des
Aufsteigen des Yang. Wenn wir wie in diesem Falle sedierend behandeln, dann
führen wir dieses zu starke Yang wieder zurück zur Niere. Ein zu starkes
Herzfeuer soll ja nicht gelöscht oder ausgeleitet werden, sondern soll nach
unten geführt werden zur Niere, um mit seinem Yang das Nieren Yang wieder zu
stützen, damit die Flüssigkeiten wieder zirkulieren können.

U.L.: Zu den zwei Shen noch ganz kurz: es gibt ja in der chinesischen
Tradition immer wieder diese Variante, es gibt ein Shen, der sitzt im
Gehirn, und es gibt ein Shen, der sitzt im Herzen. Und ich denke, dieses
sind beides Wohnsitze für den Shen. Der Shen, der im Gehirn sitzt, ist
meiner Meinung nach der Shen, der uns erleuchten soll, damit wir wirklich
kosmische Liebe erfahren können. Er bringt uns inVerbindung mit der ganzen
Kraft und mit dem ganzen Leuchten des Kosmos, der Natur. Währenddessen der
Shen, das im Herzen sitzt, ist der Shen, das mehr die menschlichen und
zwischenmenschlichen Bereiche angeht.

Das ist jetzt allerdings meine ganz persönliche Meinung.

Deswegen – wenn wir also den Shen im Gehirn erreichen wollen, dann ist der
Du Mai für uns die wertvollere Leitbahn, und für den Shen im Herzen, für den
menschlichen Geist, für die Emotion, für die Liebesfähigkeit ist der Shen im
Herzen zuständig – und da nehmen wir Punkte von der Herzleitbahn.

A.N.: Es gibt eine schöne Darstellung des Nei-Jing-Tu, die Abbildung des
inneren Gewebes oder der inneren Vernetzung, eine taoistische Darstellung.
Und da ist eben im Kopf die Öffnung zum Kosmos da, es ist ein meditierender
Mönch da, und die Berge der Unsterblichkeit, die oben hier im Kopf sind. Im
Kopf ist tatsächlich dann die Verbindung zum Himmel da. Im Herzen sind die
mentalen Fähigkeiten, die geistige Fähigkeiten, und eben der Kontakt zu den
anderen Menschen.

Der dritte Punkt ist Shen-Men. Shen-Men hat noch einige andere Namen.
Shen-Men heißt Tor des Geistes, Tor des Shen, Tür des Shen. Keine Schranke,
sondern es ist ein offenes Tor. Das heißt, durch diesen Punkt können wir
zunächst einmal den Aspekt des Öffnens des Herzens für den Shen – das freie
leere Herz – erreichen .

U.L.: Ich finde ganz wichtig, daß wir einfach auch einmal in den Namen der
chinesischen Punkten, diese beiden Begriffe abgrenzen: Men das Tor und Guan
die Schranke. Es gibt ja ganz viele Akupunkturstellen, die haben Men – das
Tor oder aber Guan – die Schranke im Namen. Men weist auf einen Punkt, durch
den das Qi, in diesem Fall der Shen, natürlicherweise ein- und ausgehen
kann, wo er nicht behindert werden soll. Währenddessen Guan-Punkte, das sind
Schranken, da hat man die Möglichkeit, etwas abzusperren, zu verschließen
oder etwas herauszulassen.

Vortrag von
Andreas Noll (A.N)
Udo Lorenzen (U.L),auf der Jahrestagung der
ARBEITSGEMEINSCHAFT FÜR KLASSSISCHE AKUPUNKTUR UND TCM e.V.
1997 in Rothenburg o.d.T.