TCM: Interview-Auszug zu einigen grundsätzlichen Fragen

Frage zur Nutzen-Risiko- Abwägung und Effektivität der TCM:
Zunächst einmal belegt allein die Tatsache, dass die Methoden der Chinesischen Medizin seit nunmehr etwa 2200 Jahren das Wachstum der Bevölkerung auf immerhin 1,3 Milliarden Menschen nicht hat verhindern können, einen gewissen Nutzen, zumindest aber Unschädlichkeit. Aber auch unsere junge westliche Wissenschaft hat in den gerade durchgeführten Akupunkturstudien (GERAC und ART)- die weltweit grössten und allgemeinen Forschungskriterien entsprechenden Studien in diesem Bereich- nachgewiesen, dass Akupunktur besser oder zumindest genauso gut wirkt wie westliche Standardmethoden. Und das sogar bei – wie geschehen- denkbar unfachmännisch ausgeführter ‚Nadelung‘. Wie würden solche Studien erst ausfallen, wenn fundiert ausgebildete Therapeuten behandeln würden?

Was ist aus Ihrer Sicht das Wertvolle an der TCM?
Mit den Methoden der Chinesischen Medizin wie Akupunktur, Moxibustion, Arzneimitteltherapie, Massage, Qigong etc. können eine Vielzahl von Erkrankungen sehr wirkungsvoll behandelt werden. Die besondere Diagnostik (mit Puls- und Zungendiagnose) ermöglicht es viele Störungen von Körper, Geist und Seele miteinander in Verbindung zu bringen, für die die westliche Medizin keine Zusammenhänge kennt. Z.B. eine chronische Nasennebenhöhlenentzündung mit dem Magen und vielleicht auch mit dem ‚die Nase voll haben‘ in dem Sinne, dass man ‚ nichts mehr schlucken kann‘. Ein weiterer grosser Vorteil der chinesischen Medizin ist es, dass im Vorfeld einer tatsächlichen Erkrankung und in der Prävention der Neuerkrankung behandelt werden kann. Eine umfassende Behandlung umfasst Ratschläge zur Ernährung, zur Lebensführung und Bewegungsübungen von Qigong bis Wandern.

Welche Vorteile sehen Sie in der Diagnostik der TCM?
Neben der Herstellung von Zusammenhängen bei Symptomen gleichermassen von Körper, Geist und Seele ist die Diagnostik sehr fein und in der Lage, Funktionsstörungen und Disharmonien schon lange vor einer tatsächlichen Erkrankung zu erkennen. Entscheidend für die korrekte Diagnose ist das Befinden des Kranken, nicht die Erhebung scheinbar ‚objektiver‘ Befunde wie beim westlichen Arzt. Wichtig ist, inwiefern der Mensch sich krank fühlt, nicht ob er eine Krankheit hat.

Was zeichnet die TCM in der Therapie aus?
In den Händen eines gut ausgebildeten Therapeuten (Heilpraktiker oder Arzt) sind Akupunktur und Arzneimitteltherapie neben Massage, Diätetik und Bewegungsübungen wirkungsvolle Methoden. Sie wird den jeweiligen Erfordernissen immer aktuell angepasst, es gibt keine ‚Standardtherapie‘. Jeder Patient erhält auf Grundlage der Diagnostik eine eigene, individuelle Rezeptur – entweder in der Kombination von Akupunkturpunkten oder von Heilkräutern oder Übungen.

Für viele gilt die chinesische ‚Kräutermedizin‘ als die Königsdisziplin in der TCM. Bei welchen Krankheitsbildern kann von einer hohen Wirksamkeit ausgegangen werden?
Eigentlich waren Kräutermedizin und Akupunktur in Asien immer zwei eigenständige Therapiemethoden. Erst im letzten Jahrhundert wurde in der VR China die Kräutermedizin bevorzugt – in Abgrenzung zur Akupunktur, die doch aus deren Sicht allzusehr mit ‚ esoterischem Ballast‘ behaftet war und weniger in das System passte. Dieses war anders ausserhalb der VR China.
Akupunktur und Kräutermedizin (besser: Arzneimitteltherapie, denn es kommen auch mineralische und tierische Heilmittel zur Anwendung)sind gleichermassen hoch wirksam. Tiefsitzende chronische Krankheiten wie Psoriasis und Colitis ulzerosa werden bevorzugt zumindest in der Kombination beider Methoden behandelt, wenn nicht mit Arzneimittelrezepturen alleine.

Viele Patienten schwören gerade auf Akupunktur. Welche Krankheiten können damit gut behandelt werden?
Seelische Disharmonien wie Depressionen und Angstzustände reagieren hervorragend auf Akupunkturtherapie, aber auch alle Funktionsstörungen auf der körperlichen Ebene.
Anwendungsbeispiele für die Akupunktur sind Schmerzzustände jeder Art von Kopfschmerzen und Migräne bis hin zur Ischialgie.

Kann die TCM auch bei akuten Krankheiten helfen? Wo liegen generell die Grenzen der TCM
Die Grenzen der Behandlung liegen in der Sorgfaltspflicht des Therapeuten: Wenn es Methoden in der westlichen Medizin gibt, die wirkungsvoller und nebenwirkungsarm sind, zudem noch tatsächlich ‚heilen‘ und nicht nur Symptome verdecken, so ist diesen sicherlich der Vorzug zu geben. Erkrankungen wie Herzinfarkt oder akute Baucherkrankunge, aber auch viele andere mehr – bedürfen sicherlich schulmedizinischer Intervention – wie auch generell parallel zur TCM-Behandlung eine Diagnostik nach der westlichen Medizin gefordert ist. Alleine um bedrohliche Krankheiten auszuschliessen.

Auch wenn mittlerweile die TCM in Deutschland ein hohes Ansehen bei vielen Patienten geniesst, so gibt es dennoch bei der Mehrzahl der Patienten Vorbehalte: zu exotisch, hohes Risiko bei chinesischen Arzneimitteln, wenig sanft (Akupunktur)… Wie kann man das Vertrauen der Patienten in die TCM verbessern?
Durch Wissen – die Chinesische Medizin ist ein erprobtes Heilsystem, das aber sehr komplex aufgebaut ist. Zu lernen ist es daher nicht so einfach und so schnell, aber wenn es beherrscht wird, so ist es eine grosse Bereicherung für Gesundbleiben und -werden. Aber in ihren Grundzügen ist das therapeutische Denken recht einfach und für jeden Patienten nachvollziehbar. Warum man z.B. keine Rohkost essen soll, wenn man eine ‚Frostbeule‘ ist: weil dann die ganze Kraft für die Verdauung gebraucht wird.
Ein grosser Vorteil ist auch, dass der Patient in der TCM Hinweise bekommt für sein Gesundbleiben. Viele therapeutische Strategien lassen sich problemlos langfristig in das tägliche Leben einbauen, und so braucht der ehemals Kranke nur noch sehr selten den aktiven Eingriff des Therapeuten.
Ob die Akupunktur generell zur Kategorie der ‚sanften Medizin‘ gehört, ist sicherlich zu bezweifeln. Aber zum einen gibt es Techniken des nahezu schmerzlosen Stechens, zum anderen lässt der Erfolg das kurze Pieksen schnell vergessen.

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