Fragen und Antworten zum Burnout – ein Buchbeitrag

Was aus Ihrer Sicht sollte ein Mensch wissen, um wieder aus dem Zustand völliger Erschöpfung herauszukommen, bzw diesem Zustand vorbeugen zu können?
Erschöpfung bedeutet, dass jemand lange Zeit seine Energien verausgabt hat. Getrieben durch Sehnsüchte, Ansprüche und soziale Vorgaben ist das Augenmerk auf die Realisierung dieser Vorstellungen gerichtet- nach aussen. Zu wenig wird auf ‚Input‘ geachtet. Die Beachtung jedem geläufiger, scheinbar banaler Wahrheiten wie ‚keine Bewegung ohne Ruhe‘ werden – wenn überhaupt-auf die Zukunft verschoben. Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) geht von einem umfassenden Lebenskonzept aus, das die Einheit des Menschen mit sich selbst und mit der Um-/Mitwelt als Idealzustand postuliert. Getrieben wird der Mensch über die Seele und den Geist, über seine Vorstellungen. Spürbar sind die positiven und negativen Auswirkungen dieser Ambitionen aber stets nur über den Körper: Druck (von innen oder aussen) erzeugt Druck-Gefühle, sei es im Kopf, in den Muskeln oder im Bauch; Grübeln schlägt auf die Verdauung und Ängste ziehen den Boden unter den Füssen weg- machen schwindelig und auch körperlich instabil. Wie auch in unserem Sprachgebrauch werden in der TCM den Gefühlen im positiven wie negativen Sinne Organbilder zugeschrieben: Angst geht an die Nieren, Wut an die Leber und bei Freude sind wir mit vollem Herzen bei der Sache. Bei einer Verausgabung und Erschöpfung können dann tatsächlich nicht nur gefühlt – wie häufig jahrelang möglich-, sondern organisch und somit substantiell diese Organfunktionen gestört werden. Das ist dann spätestens der Zeitpunkt, wenn Herzrasen, Magenbeschwerden oder Durchfälle das reibungslose Funktionieren im modernen Alltag unmöglich machen. ‚Burnout‘ heisst, dass die energetischen und substantiellen Reserven der Lebensenergie Qi erschöpft sind.

Welche Verhaltensempfehlungen sind dazu hilfreich aus Ihrem Wissen um die TCM ?
Das im alten konfuzianischen China postulierte ‚Masshalten‘ wird in der akuten Erschöpfungs-Situation den heutigen ‚ausgebrannten‘ Menschen vielleicht schlüssig und befolgenswert erscheinen. Sobald der Energiehaushalt aber es wieder zulässt, fällt er/sie wieder in die vertrauten Muster. Die TCM geht jedoch nicht von einem einfachen Leere-Fülle-Konzept aus, sondern von einer wechselseitigen Bedingung: eine Leere (Leeregefühle, Müdigkeit, geringes Selbstwertgefühl z.B.) kann der Antrieb für möglicherweise erfüllende Aktivitäten bedeuten. Aber auch die völlige Verausgabung. Die Lösung ist in der Balance, dem Ausgleich scheinbar entgegengesetzter Bewegungen. Vielfach auch banale Erkenntnisse: Wer zu viel im Kopf hat, muss etwas mit dem Körper tun. Wer extrovertiert sein muss, sollte sich Zeit für das Innenleben nehmen. Wer sehr kommunikativ ist, sollte den Segen der Einsamkeit kennenlernen.

Welche Tagesroutine-bzw. Lebensstiländerung sind aus dem Wissen der TCM hilfreich um Burnout zu verhindern, bzw. wieder daraus zu regenerieren?
Etwas anderes zu tun als das tägliche ‚Muss‘ ist keine Verschwendung, sondern schafft Kapazitäten für Neues. Dies schafft erst die Leere, die wieder durch mehr Kraft und Ideen gefüllt werden kann. Erst der erfrischende Schlaf bringt die Power für den folgenden Tag. Dieses Gefühl zu bekommen für die eigentlich unausweichliche Wechselhaftigkeit unseres Daseins, eines Auf und Ab von Ruhe und Bewegung, auch von Wohlbefinden und gelegentlichen körperlichen wie seelischen Turbulenzen – dies ist ein grosser Gewinn auch für die Schaffenskraft eines modernen Menschen.

Welche Ernährungshinweise, welche Nahrungsmittelergänzungen, empfiehlt die TCM?
Eigentlich ist die alte chinesische Heilkunde eine zutiefst ökologisch orientiertes Gesundheitssystem: Gesund ist, wenn der Mensch im Einklang mit sich selbst, mit der Natur und dem gesamten Kosmos lebt. Das schliesst nicht nur die Beachtung der zeitlichen Rhythmen von Tages- bis Jahreszeiten ein. Sondern auch die Ernährung. Erdbeeren im Januar und Äpfel im Juni – das ist nicht nur in der ökologischen Bilanz unangebracht. Soweit das äussere Angebot. Essen sollen wir darüber hinaus das, was schmeckt, satt macht und uns bekommt. Letzteres ist das Wichtigste, nicht abstrakte, allzusehr verallgemeinernde ‚Ernährungslehren‘. Das morgendliche Müsli kann nicht das Gesündeste sein, wenn man sich im Büro mit Blähungen herumquälen muss. Der populäre Verzicht auf tierisches Eiweiss führt zu Kälte- und Schwächegefühlen, wenn man nicht sehr aufmerksam diese Defizite auffüllt. Die Verdauung von Rohkost kostet dem Magen und Darm viel Energie, also sollte man eher gekochtes Gemüse essen, wenn sowieso Kältegefühle lästig sind. Nahrungsmittelergänzungen sollten tatsächlich nachgewiesenen Defiziten vorbehalten sein, wenn diese nicht durch eine angepasste ausgewogene Ernährung ausgeglichen werden können. Das tägliche Essen ist ausserdem weitaus mehr als Materialzufuhr- es ist ein gefühlvolles, auch soziales Ereignis.

An welchen Plätzen zu welcher Tages, Jahreszeit ist was zu tun am hilfreichsten?
Bewegung ist das Wichtigste für uns moderne ‚kopflastige‘ Menschen. Welche Art und Intensität ist abhängig vom Level der Lebensenergie Qi: Ist das Qi kraftvoll, aber blockiert (Stichwort: Frust, Anspannung), dann sind längerdauernde, durchaus auch langweilige Bewegungsarten sinnvoll, von Spazierengehen bis Joggen – aber nicht leistungs-, sondern zeitorientiert, also 3-4x/Woche jeweils 30-60 Minuten. Ist der Erschöpfungszustand da, so sind Yoga oder Qigong sinnvoll. Mit diesen Übungen wird die Energie eher bewahrt. Von den Tageszeiten her ist der Abend sicherlich am wenigsten sinnvoll für anstrengende Tätigkeiten- ebenso wie die Mittagszeit. In der TCM geht man von einer ‚Organuhr‘ aus, nach der wie auch in der Chronobiologie nachgewiesen, die Körper-und Geistesfunktionen im 24-Stunden-Rhythmus ihre Hoch- und Tiefzeiten haben. So ist von 7-9 Uhr der Magen optimal aufnahmefähig – das gut verdauliche Frühstück sollte immer möglich sein für den Start in den Tag! Was die Jahreszeiten betrifft, so ist der Frühling und Herbst für Bewegung/Sport am Besten, der Sommer für Kommunikation und Gesellschaft und der Winter für das behagliche ‚Baumeln der lieben Seele‘.

Welche inneren Gedanken Heilsätze Einstellungsänderungen wurden schon vor Jahrtausenden ausgebrannten Menschen im antiken China empfohlen?

Zhuang Zi:
‚Das Wirken der Natur zu kennen , und zu erkennen, in welcher Beziehung das menschliche Wirken dazu stehen muss: das ist das Ziel. Die Erkenntnis des Wirkens der Natur wird durch die Natur erzeugt, und die Erkenntnis des (naturgemässen) menschlichen Wirkens wird dadurch erlangt, dass man das Erkennbare erkennt und das, was dem Erkennen unzugänglich ist, dankbar geniesst. Seines Lebens Jahre zu vollenden und nicht auf halbem Wege eines frühen Todes zu sterben: das ist die Fülle der Erkenntnis…‘

‚Was ist unter einem wahrhaftigen Menschen zu verstehen?…
Die wahrhaftigen Menschen des Altertums hatten während des Schlafens keine Träume und beim Erwachen verspürten sie keine Angst. Ihre Speise war einfach, ihr Atem tief…Die wahrhaftigem Menschen der Vorzeit kannten nicht den Hang zum Leben und nicht die Abscheu vor dem Sterben. Ihr Hervortreten (in die Welt der Körperlichkeit) bereitete ihnen keine Freude, ihr Wiedereintritt (in die Welt gestaltlosen Daseins) vollzog sich ohne Widerstreben. Gelassen gingen sie, gelassen kamen sie. Sie vergassen ihren Ursprung nicht und strebten auch ihrem Ende nicht zu; sie nahmen ihr Schicksal hin und freuten sich darüber, und (des Todes) vergessend kehrten sie (ins Jenseits) zurück…
Tod und Leben ist Schicksal; dass es ewig ist wie Tag und Nacht, liegt in der Natur begründet; dass es Grenzen gibt, die man nicht überschreiten kann, beruht auf den allgemeinen Verhältnissen, in denen die Geschöpfe sich befinden.‘

Was sind die aus IHRER persönlichen Behandlungserfahrung die bewährtesten Empfehlungen, IHRE persönlichen TOP TEN um Burnout kompetent zu behandeln, die Sie gerne an andere Helfende weitergeben möchten um sie Betroffenen empfehlen zu können

Ruhe und Bewegung
Wir leben in einer Zeit, in der Bewegung und Veränderung der vermeintlich alles entscheidende Wert ist. Und so ist auch das persönliche Leben geprägt vom Weiterkommen, Entwicklung und Veränderung. Ein Leben, das irgendwann zur Verausgabung führen kann. Gönnen Sie sich daher auch mal ein wenig völlig unproduktive Langeweile! Das gilt auch für die faulen Abende auf dem Sofa- nicht jeden Tag ist das Fitnessstudio oder die Joggingstrecke angebracht. Yin und Yang – der Mensch braucht Ruhe und Bewegung.

Übermass und Mittelmass
Jegliche Form an Exzessivität erschöpft die Reserven. Genüsse und Leidenschaften, Sport oder Faulenzerei, zuviel Sex oder zuviel Arbeiten…aber Sie wissen ja sicher aus eigener Erfahrung, dass einem Hoch immer ein Tief folgt!

Ein jedes Ding hat seine Zeit….
…so heisst es schon im Alten Testament. Sie wurden irgendwann geboren und sterben irgendwann. Der Zeitpunkt liegt irgendwann in der Zukunft und ist nicht sicher. Vielleicht morgen, oder in 50 Jahren. Sie können nichts daran ändern. Auch die Vergangenheit ist nicht mehr beeinflussbar. Also bleibt nur eines – leben Sie das jetzige, heutige Leben mit Bewusstheit und Klarheit. Und seien sich auch bewusst darüber, dass das heutige Leben und Verhalten die Wurzel für das Morgen ist!

Wichtigkeiten
Erst der Tod eines lieben Angehörigen oder Freundes macht häufig klar, was im Leben tatsächlich wichtig ist. Oder auch die eigene Krankheit. Ein gefülltes Bankkonto mag schön sein, aber es hilft nur selten, wenn Schmerzen in Körper und Seele das Leben in jeder Sekunde zur Hölle machen. Wie wohltuend ist es dann für diesen Körper und diese Seele, wenn Freunde und Verwandte trösten, da sind und mit fühlen.

Ändert es eigentlich irgendetwas, wenn SIE sich ärgern?
Hass, Wut und Groll mögen manchmal ihre Berechtigung haben, aber diese Gefühle empfindet man selber – die anderen interessiert es meist nicht – denn sie wissen nichts davon. Aber im eigenen Körper schmerzt die zerstörerische, nagende Kraft dieser nicht ausgedrückten Emotionen.

Sie sind in Ordnung!
Aussenwirkung – wer bin ich und was will ich darstellen- seien Sie einfach echt! Sie sind auf diese Welt gekommen und haben sich zu einem einmaligen Wesen entwickelt, zu einer einzigartigen Persönlichkeit. Niemand sonst ist so wie Sie! Respektieren Sie sich deshalb, seien Sie stolz auf Ihre Einmaligkeit und erfreuen Sie sich wiederum an der Einmaligkeit der Menschen, die Sie umgeben. Und – Sie wissen es ganz genau!- Sie selber haben Ihre Ecken und Schrullen – gönnen Sie sie auch den anderen Menschen!

Achten Sie auf sich!
Das Fatale ist ja, dass man den Körper erst dann wahrnimmt, wenn er sich in gesundheitlichen Störungen bemerkbar macht. Wenn alles reibungslos funktioniert, wenn die Lebensenergie Qi frei durch alle Meridiane fliesst, dann ist man gesund. Also horchen Sie bei aller Wichtigkeit der Aussenwelt gelegentlich in sich hinein – dann können Sie vielleicht schon etwas für sich tun, bevor die Krankheit da ist! Nicht selten stellen manche geschäftigen Menschen voller Erstaunen erst dann fest, dass sie einen Körper haben, wenn das Blaulicht vor der Tür blinkt.

Rechtzeitig Unterstützung suchen
Wenn Sie nicht mehr weiterkommen, wenn Sie sich alleine nicht mehr helfen können, scheuen Sie nicht den rechtzeitigen Weg zum Therapeuten. Je früher er mit den verschiedenen nun gleich beschriebenen Techniken kleine und gezielte Anstösse an Ihr Qi-System geben kann, desto schneller erlangen Sie Ihr Gleichgewicht wieder zurück und können auf eigenen Beinen stehen!

(Andreas Noll :  dem Ratgeber TCM‘ entnommen)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.