Die Angst in der Vorstellung der chinesischen Medizin

angusta (lat. die Enge) – nicht nur der dem jetzigen deutschen Terminus noch sehr verwandte lateinische Begriff deutet auf die Auswirkung dieser Emotion der Wandlungsphase Wasser in der chinesischen Medizin hin. „Engwerden“ bedeutet sterben. Der Tod ist die absolute Beengtheit. Leben bedeuten die Entfaltung.
Der chinesische Terminus für Angst ist Kong. Das Schriftzeichen zeigt oben das Bild für Werkzeug und eine Hand, unten die Berührung des Herzens als die zentrale emotionale Instanz durch diese Empfindung.
Leben – das Qi, zwischen Himmel und Erde entstehend – geht einher mit jeder Bewegung, die notwendigerweise aus dem eingegrenzten Raum des Ichs heraustritt. Jede Einengung, Reduktion wird als blockierend, hemmend empfunden. Wobei – wie jeder nachempfinden kann – man sich eine Begrenzung durchaus selber auferlegen kann, um höhere Qualitäten zu erreichen. Der Asket verzichtet zu Gunsten womöglich spiritueller Erfahrungen auf irdische Genüsse, der Mönch betet in einem Kloster, in seiner Zelle – abgeschottet von menschlichen Berührungen. Ein Bestreben, das ein Strafgefangener nur schwerlich nachempfinden kann.
Hieraus wird deutlich, dass das Gefühl der Angst abhängig ist von der Stärke des eigenen Ich, seinem Bestreben nach Entfaltung – also von den eigenen Holz- und Wasser-Qualitäten – und dem von außen einwirkenden Kräften der Einengung. Es ist eine Übermacht, etwas was existentiell die eigene Macht, aber auch die Entfaltungsmöglichkeit, die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung bedroht.

Die den anderen Wandlungsphasen respektive den Zang Fu zugeschriebenen und potentiell schädigenden Emotionen blockieren, zerstreuen, vermindern das Qi, lassen es aufsteigen oder senken es vielleicht ab – kein Gefühl geht jedoch so „an die Nieren“ wie die Angst. Sie lässt einem nur zwei Möglichkeiten, seine „Haut zu retten“, um die pure Existenz durch die Situation der absoluten Gefahr für die persönliche Integrität hindurch in Sicherheit zu bringen: Entweder der Rückzug an einen sicheren Ort, dem Entfliehen der Gefahr. Das hieße den Rückzug von der Außenwelt, von der Gesellschaft, von den Anderen.
Oder im Angriff die Verteidigung zu suchen, seine Sicherheitsbedürfnisse ignorierend als Amokläufer die Mitwelt zu attackieren – somit aber auch die eigene Existenz zu gefährden.

Angst ist ein subjektives Gefühl. Notwendig, um zu überleben angesichts einer übermächtigen Gefahr. Angst ist Ausdruck eines gestörten Gleichgewichts zwischen der Stärke des Ichs und somit der Wandlungsphase Wasser im Menschen und den von außen eindringenden und einengenden Kräften.
Ziel der Überwindung von Angst und Unsicherheit ist somit eine Stärkung der Nierenenergie resp. der Wandlungsphase Wasser. So wie es Herrmann Hesse ausgedrückt hat:

„Man hat nur Angst, wenn man mit sich selber nicht einig ist.“

Die westliche Psychotherapie kennt verschiedene Arten von Ängsten, die nach dem System der Chinesischen Medizin den Beeinflussungen der Wandlungsphase Wasser durch die anderen Wandlungsphasen zuzuschreiben sind. Da sind zum Beispiel die Phobien, die nicht rational begründbare Ängste vor Situationen oder Objekten.
Soziale Phobien (Angst vor Menschen), Klaustrophobie (vor engen Räumen) oder Agoraphobie (vor großen Plätzen) sind Gefühle, die weit verbreitet sind und das Leben eines Menschen ganz erheblich einschränken können. Sie können am ehesten als Disharmonien der Wandlungsphase Feuer erklärt werden.
Oder Zwangsvorstellungen, die als Ausdruck einer tief sitzenden strukturellen Unsicherheit den Menschen von neurotischen, zwanghaften Verhaltensweisen abhängig machen. Eine Unterbindung dieser Verhaltensweisen bringt diese ursprüngliche Unsicherheit zum Vorschein und damit heftige Angstzustände. Hier wäre z.B. die Wandlungsphase Metall im Wasser nicht harmonisch (s.u.).

Panikartige Angstzustände führen dazu, dass der Betroffene den Boden unter den Füßen verliert, er verliert den Kontakt zu sich selbst und zu dem, was ihn an die Realität bindet. Dieses wäre ein Ungleichgewicht in der Wandlungsphase Wasser. Oder die Angst, Kontrolle über sich, über das Leben, über die Realität zu verlieren, führt zu einem ungebändigten Aufsteigen von Energien in Brust und Kopf. Der Patient hat das Gefühl „durchzudrehen“ oder „dass der Körper mit mir macht, was er will“.

Traumata jeder Art können (s.u.) zu einem Verlust an Nierenenergie führen. Wobei auch hier entscheidend ist, wie die Situation, die Verletzung subjektiv empfunden wurde. Nicht jede Operation, jeder Unfall, jede Trennung „geht an die Nieren“.
Gerade bei psychischen Traumen ist es entscheidend, ob die Substanz, das Yin, das Mark, Würde und Rückgrat des Menschen getroffen wurden. Ein sexuelles Trauma verletzt somit direkt die Nierenenergie, bei einer Trennung oder dem Tod eines Angehörigen – beides kann ja durchaus als Trauma empfunden werden – wirkt diese zunächst nur auf die Energie der Lunge beeinträchtigend, also auf das Qi und erst indirekt auf die der Nieren. Durch Traumen verursachte Ängste schränken die Nierenenergie eher ein, führen zum Rückzug der Persönlichkeit und zu Symptomen, wie wir sie eher bei der Nieren – Yang – Schwäche oder bei einem Fehlen von „Feuer im Wasser“ finden: Teilnahmslosigkeit, Gedächtnis- und Konzentrationsschwäche.

Angst ist diejenige Emotion, die nach den klassischen Texten die Nierenenergie schädigt. Angst (s.o.) ist eine existentielle Bedrohung. Andere potentiell schädigenden Emotionen und Gefühlsregungen hemmen oder verwirren die Dynamik des Qi – Flusses. Grübeln, Sorgen, Trauer, Wut und Freude – sie alle gehen nicht so an die Substanz wie das Gefühl, was Enge = Angst erzeugt.
Sie lässt den Menschen sich auf das reduzieren, was existenziell und innerhalb seiner körperlichen Grenzen notwendig ist. Zunächst bewirkt Angst den Rückzug und die Verteidigung des Minimums an Energien, das der Mensch zum Leben braucht. Rückzug in sich selbst, in seine „Höhle“ und den Kontakt mit anderen Menschen meidend – denn diese könnten bei ihm Verunsicherung und Verausgabung bewirken. Dieses Bild deutet auf die Yang-Schwäche der Niere hin (s.u.), die eben durch Kälte und Tendenz zum Rückzug charakterisiert ist.
Auf der anderen Seite kann Angst ebenso wie ein Trauma bewirken, dass dem Menschen quasi der Boden unter den Füßen weggezogen wird: Er verliert alles, was ihm Rückhalt, Bindung und Bodenhaftung bedeutet. In hektischer Aktivität verfällt er in das Verhalten eines Amokläufers, der blindlings drauflos stürmt und alles – vor allem auch sich selbst – miss- und verachtend.

Pathologisch werden wir mit den Symptomen einer Nieren-Yin-Schwäche in der Praxis ebenfalls häufig konfrontiert, wenn der Verlust eines Verwandten, Freundes, Partners den Patienten getroffen hat. Das Gefühl der Trauer ist für ihn nicht zu bewältigen. Die Last ist zu übermächtig, um ertragen werden zu können. Grenzen und Bindungen – alles was den persönlichen und gesellschaftlichen Rahmen dieses Menschen bedeuten könnte – werden ignoriert und negiert. Da diese es aber sind, die dem Menschen die grundlegende Sicherheit des Lebens und der Existenz garantieren, kann eine derartige Nicht-Bewältigung in der Wandlungsphase Metall eine Schwächung der elementaren Wasser-Energie bedeuten.

Diese Ängste tendieren bei der Nieren-Yin-Schwäche eher zu panikartigen Zuständen. Es ist die Angst vor der eigenen Vergangenheit, die ihm ungewiss und bedrohlich die Gegenwart zur Hölle macht. Der Patient hat das Bedürfnis nach Aktivität, nach Dynamik. Die dem entgegen wirkende Kraft des Yin und die Kraft der Ruhe fehlen ihm. Die Devise lautet bei ihm „Augen zu und durch“. Schlimm drohen diese Ängste erst zu werden, wenn die Zeit des Yin ihn alleine lässt: nachts lassen ihn wilde Gedanken nicht einschlafen, irre Träume lassen ihn aus dem katzenartigen Halbschlaf aufschrecken – bis er schließlich bei Tagesanbruch endlich wieder sein ruheloses Yang ausleben kann.

Bei der Nieren-Yang-Schwäche entsteht die Angst aus den Erfahrungen, aus Traumen, aus der persönlichen Geschichte heraus. Anders als bei der Yin-Schwäche hat sich das Vergangene festgesetzt, wurde weder überwunden noch verarbeitet und begleitet Denken und Fühlen bis zum Jetzt. Hier blockiert es die Gegenwart und die Zukunft, die Angst engt den individuellen Spielraum ein, wie der Begriff schon sagt. Sie engt ein auf die Bewahrung der ureigensten, elementarsten Interessen und Bedürfnisse. Eben diese zu schützen, ist schließlich die Aufgabe der Niere.