Den Zyklus beenden – Gedanken zum Herbst

Alles Tun, jede Arbeit, jeder Entwicklungsprozess wird nach der alten daoistischen chinesischen Naturphilosophie und somit auch nach der chinesischen Heilkunde als ein zyklischer Vorgang betrachtet. Ein Vorgang, der in Form von 5 Entwicklungsstufen einen Kreis beschreibt, dessen Anfang und Ende ineinander übergehen, sich gegenseitig bedingen: Um etwas Neues anfangen zu können, muss man erst einmal das Alte beenden und zu einem Abschluss bringen. Alles auf dieser Welt entspricht diesem Gesetz, unser eigenes Leben, unsere tagägliche Arbeit, die Jahreszeiten, der Lauf der Gestirne.
So spiegelt sich auch der Wandel, die Zyklen der Jahreszeiten im Verhalten der Menschen wider. Das ist, die Wirktendenz, die das Geschehen im Makrokosmos bedingt, ruft auch bei uns ebensolche Verhaltensmuster, entsprechendes Fühlen, Denken und Handeln hervor.
Jetzt ist der bunte, stürmische, neblige und regnerische Herbst da -die Zeit um die Tagundnachtgleiche am 21.September herum- bedeutet, dass das Jahr sich allmählich und unausweichlich dem Ende zuneigt. Der Sommer, der Spätsommer sind nun vorbei. Die Tage werden merklich kürzer, die Nächte länger und kühler. Die Blütezeit, die Zeit der mächtigen Entfaltung der Kräfte der Natur ist vorbei. Pflanzen haben mit Hilfe der Energie der Sonne ihre Früchte und Samen ausgebildet, sie neigen sich jetzt wieder der Erde zu, welken und kehren demnächst wieder zur Erde zurück. Die Tiere fressen sich reichlichen Vorrat an. Der Mensch bringt die Ernte ein, man konserviert Nahrungsmittel für den Winter, für die Zeit, in der es natürlicherweise früher keine frischen Nahrungsmittel gibt. Das absolute Yang des Sommers, die am weitesten nach aussen entfaltete Aktivität ist beendet. Die Zeit des absoluten Yin, der Winter wird vorbereitet. Die Natur und auch wir stellen uns ein auf eine Zeit der Ruhe und Erholung, der häuslichen Aktivitäten und einer vieles bedeckenden Dunkelheit.
Sammeln, Sortieren, Einbringen- diese Begriffe könnten die jetzt anfallenden Tätigkeiten beschreiben. Loslassen können von hektischen Aktivitäten, von der Fülle der Natur, das Nützliche bewahren aber auch weggeben zu können das ist das DAO des Herbstes, der im Zyklus der fünf Wandlungsphasen durch die Phase METALL charakterisiert ist.
Metall kommt aus der Erde, entsteht aus der Erde, es wird mit Hilfe des Feuers gebogen, geformt und gereinigt. Das Metall bringt das Wasser hervor- so ist der Zyklus, die gegenseitige Beeinflussung der Wandlungsphasen untereinander.
Formung und Reinigung sind ebenfalls wichtige Begriffe, die helfen können, das Wirkprinzip, den Sinn oder das DAO des Herbstes zu verstehen. Wenn man sich diesem DAO entsprechend verhält, bleibt der Mensch im Einklang mit der Natur und somit von Krankheiten verschont. Das ist die Quintessenz der alten chinesischen Medizin: Gesunderhaltung vor Krankheitsbehandlung!

Zum richtigen Verhalten heisst es in einem alten Medizinbuch:
Sich in der Abenddämmerung zu Bett legen, im Morgengrauen beim Hahnenschrei aufstehen, das Qi in Ruhe zu lassen, die übermässige (Rückzugs-)Dynamik des Herbstes zu dämpfen, die Geistesenergie zu bewahren und die Energie der Lungen zu reinigen: wer so handelt, lebt im Einklang mit der Energie des Herbstes; das ist das Tao, um die Herbstenergie zu schützen. (Huang Di Nei Jing, I 3)

Man soll also jetzt seine Energien zurückschrauben. Aktivität ist Yang-Energie, die sich jetzt im Herbst zurückziehen soll, nachdem sie im Sommer das Yin ernährt und geschützt hat, uns ebenso wie den Pflanzen und Tieren geholfen hat, grosse Reserven anzulegen. So wie sich das Yang im Winter unter dem mächtigen Yin verbergen soll, so sollen auch unsere Handlungen und Verhaltensweisen darauf abzielen, diesen Rückzug zu fördern, loszulassen und zur Ruhe zu kommen.
Den fünf Wandlungsphasen entsprechen in uns Menschen fünf Funktionssysteme, die zwar mit auch bei uns gebräuchlichen Organbegriffen benannt werden, aber anders als in der westlichen Heilkunde Funktionen auf der körperlichen, seelischen und geistig-emotionalen Ebene umfassen.
Als charakteristisch für die Wandlungsphase Metall, die im Herbst wirkende Handlungsphase (im Westen eigentlich fälschlicherweise als ‚Element‘ bezeichnet) haben wir die Funktionen des Sortierens, des Gebens und Nehmens, das Sammeln und zur-Ruhe-kommen kennen gelernt. In uns werden diese Abläufe organisch durch die Lunge repräsentiert. Bei der Atmung wird Sauerstoff der Luft entnommen, für den Organismus unnütze Substanzen werden abgegeben an die Aussenwelt, und zwar ohne dass wir diese willentlich beeinflussen können. Aufnehmen und Abgeben, ein Vorgang, den wir bei der Intuition ebenfalls wieder finden. Die Intuition ist eine wesentlich Fähigkeit, die nach der chinesischen Heilkunde mit der Funktion der Lunge zusammenhängt. Zum anderen bürgt die Lunge aber auch für den Kontakt mit der Aussenwelt, sie stellt die Verbindung her zwischen Mikro-und Makrokosmos, zwischen Innen und Aussen. Ebenso wie die Haut. Hier ist der Kontakt mit dem Kosmos, hier wird die himmlische Energie aufgenommen und verbindet sich mit der von der Erde kommenden Nahrungsenergie. Himmlisches Qi und das Qi der Erde vereinen sich in der Lunge. Der Stoffwechsel, das Leben wird hier garantiert durch das Zusammenspiel von Yin und Yang.
Das alles bedeutet aber auch, daï¬≠ sich in der Lunge und den mit ihr assoziierten Organen Haut und Darm die Abwehrenergie befinden muï¬≠. Wenn diese Wehrenergie (Wei Qi) zu schwach ist, können von hier aus krankmachende Stoffe in den Körper eindringen. In der TCM nennen wir sie ‚pathogene Energien‘, die dann wieder durch Techniken wir Akupunktur, Schröpfen oder Guasha ausgeleitet werden können.
Ähnliche Entsprechungen finden wir auch im seelisch-geistigen Bereich. Sortieren und Sammeln, das setzt exakte Unterscheidung und Differenzierung voraus. Zu-sich-selbst-finden, seine eigene Identität und persönlichen Nutzen beachten können, aber auch loslassen und abgeben können. Kritikloses Akzeptieren des Vorgegebenen, fanatische Buchgläubigkeit sind ebenso Indizien für eine Fehlfunktion der Wandlungsphase Metall in uns wie Geiz und Habsucht, aber auch wenn das Intuitive, nicht rational Begründbare für uns beim Arbeiten und Denken im Vordergrund stehen. Exaktes Arbeiten, Spass an geometrischen Figuren, an logisch miteinander verknüpften Zusammenhängen- Menschen mit diesen Charakterzügen haben im Herbst ihre Zeit.
Aber der Herbst ist auch die Zeit der Trauer. Das ist die Stimmung, die einen bedrückt, die sich lähmend schwer auf die Brust legt und einem die Luft nimmt. Trauer überwältigt, lässt den Kontakt mit der Aussenwelt abbrechen. Man zieht sich zurück, die Verbindung zwischen Yin und Yang ist erstarrt . Wenn dieser Zustand lange anhält, wird das Yin erschöpft und kann auch nicht wieder aufgefüllt werden.

Wenn das DAO des Herbstes befolgt wird, ist der Mensch vorbereitet auf mögliche Schädigungen. Er wird den Winter in jeder Hinsicht wohlgenährt und in Ruhe verbringen, um im Frühjahr, noch aus den Reserven zehrend, kraftvoll frische Impulse empfangen und neue Aktivitäten beginnen zu können.

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