Das Studium der chinesischen Medizin

Die Beschäftigung mit der chinesischen Heilkunde konfrontiert den Lernenden wie auch den Praktizierenden über kurz oder lang mit der Fragestellung nach der Eindeutigkeit, nach DER LEHRE , die in der Lage ist, alle anstehenden Fragen eindeutig zu beantworten. Die in den letzten Jahren im Westen wie auch seit etwa 40 Jahren in der Volksrepublik China angebotenen Ausbildungen – auch und gerade im universitären Bereich- orientieren sich an einem Denkmodell, das unter dem Namen „Traditionelle Chinesische Medizin“ TCM ein gut erlernbares System vermittelt. Dieses System benutzt als Kern verschiedene Differenzierungsmuster von Krankheiten, und zwar nach:
Yin und Yang
Zang Fu (Speicher- und Hohlorgane)
Jing Luo (Leitbahnsystem)
6 Schichten/Leitbahn (-paare)
4 Schichten
Energien (Qi, Xue, Jin und Ye)
Andere derartige Klassifizierungs- Kategorien wie das System der Wu Xing (5 Elemente/Wandlungsphasen) und der Qi Jing Ba Mai (8 Wundergefäße, Wundermeridiane) sind zumindest in China didaktisch mehr in den Hintergrund getreten.

Die Diagnostik umfaßt Puls- und Zungendiagnose sowie das diagnostische Gespräch (Anamnese). Für andere diagnostische Verfahren wie das Riechen, Fühlen, Hören und Schmecken gilt das eben betonte.

Dieses Denkmodell ist vor dem Hintergrund einer breiten Ausbildung und Praktizierung der traditionellen Heilkunde in China in den fünfziger Jahren unter dem Aspekt der ideologischen und materiellen Autarkie vom westlichen Ausland konstruiert worden. Die Ablehnung und Eliminierung heute bei uns im Westen hervorgehobener esoterischer und spiritueller Aspekte resultierte aus der strikt materialistischen Grundanschauung der politischen Schöpfer der TCM. „Relikte des Feudalismus“ wie Qi Gong oder Feng Shui oder auch die taoistischen Gedanken wurden systematisch negiert.

Diese Richtung, oder „Schule“ namens TCM repräsentiert die Art und Weise, wie ungefähr seit Mitte der 80ger Jahre im Westen chineische Medizin gelehrt wird. Auch die wichtigen Ausbildungsstätten in Deutschland nehmen dieses Modell zumindest als theoretische Basis, wobei aber die unten beschriebenen tatsächlich traditionellen Aspekte der chinesischen Heilkunde mit einbezogen werden. Die TCM bildet eine gut praktizierbare, auch für das westliche Denken nachvollziehbare Struktur, die es dann auch möglich macht, sich für die ganzheitlichen, spirituellen und auch esoterischen Inhalte frei zu machen.

Will man sich nun heutzutage Gedanken machen über die wirklich „klassische“ chinesische Medizin (und nicht über die „TCM“), so ist zunächst einmal zu bemerken:

Die chinesische Medizin ist a priori eine umfassend ganzheitliche Heilkunde. Der Mensch wurde als Bestandteil des Kosmos betrachtet, der wie dieser sich wandelt und bewegt. Makro- und Mikrokosmos bilden ebenso eine gleich-schwingende Einheit wie Körper, Geist und Seele.
Diese Grundgedanken der chinesischen Heilkunde sind denen der westlichen traditionellen Heilkunde nicht fremd. Die Wurzeln unserer Medizin in der griechisch-römisch-arabischen Welt stehen ebenfalls unter dem Postulat dieser Ganzheitlichkeit. Die historische Entwicklung in China ist aber im Unterschied zum Occident durch die Kontinuität von (Schrift-)Sprache und Kultur über nahezu 3 Jahrtausende charakterisiert. Kulturelle und sprachliche Brüche spielten keine entscheidende Rolle.
Jede Heilkunde ist untrennbar verknüpft mit ihrem sozio-kulturellen Umfeld. Das heißt, daß mit dem Verstehen der chinesischen Medizin das Kennenlernen der chinesischen Kultur, Geschichte und Sprache einher gehen sollte. Der Kontext eines jeden Begriffes der Medizin muß aus dem sprachlichen und historischen Zusammenhang heraus erfaßt werden.
Ganzheitliche Behandlung von Körper, Geist und Seele – das heißt, daß Möglichkeiten zur Erfassung des in seiner Harmonie beeinträchtigten Menschen gefunden werden müssen. Es heißt nicht, daß ein objektiver Krankheitszustand beschrieben werden muß, sondern daß das subjektive Erleben von Krankheit von einem anderen Subjekt, nämlich vom Therapeuten, erfaßt und nachvollzogen werden soll. Krankheit als Beeinträchtigung des „körperlichen, seelischen, geistigen und sozialen Wohlbefindens“ ist ausschließlich an das subjektive Erleben gebunden und nicht objektivierbar. Zu diesen Schwierigkeiten kommt hinzu, daß der Mensch sich als Bestandteil des Kosmos in ständiger Wandlung entwickelt, wir als Therapeuten also nur schwer kausale Verknüpfungen erstellen können: Macht ein Faktor (ein körperliches, psychisches Trauma beispielsweise) krank? Warum wird der eine Mensch aus der Bahn geworfen und der andere kommt gestärkt aus „derselben“ Situation heraus? Ist ein Mensch mit einem körperlichen Leiden, einem Defizit immer gleichzeitig schwach oder kann sich aus dem ständigen Kampf eine starke Persönlichkeit entwickeln?

Unabwägbarkeiten wie diese beiden Aspekte machen jede Objektivierbarkeit von Krankheit und Heilung unsagbar schwierig. Diese Objektivierbarkeit wird aber von unserem westlichen Verständnis her gefordert. Wir, als im Westen aufgewachsene Menschen, als durch das Christentum oder zumindest den Monotheismus geprägte Menschen, die „sich die Erde untertan“ machen sollten – wir suchen nach Kausalitäten, nach Ursachen und Wirkungen. Welche Berechtigung auch immer diese Prinzipien in den modernen Naturwissenschaften auch haben können – bei lebenden, mit ihrer Um- und Mitwelt kommunizierenden und reagierenden Organismen hat ein derartig statisches Modell kaum Gültigkeit.

Das Bestreben der in der chinesischen Medizin verbreiteten Denkmodelle – der „Schulen“- war es nun, dieses Dynamik des Lebens und seine Wechselwirkungen im Menschen zu erfassen (Diagnose) und steuern (Therapie) zu versuchen. Die Betrachtungsweisen der Menschen variierten durch die Jahrtausende. Geprägt wurde diese Sicht vor allem durch die 3 Weltanschauungen, die Asien seit zweieinhalb Jahrtausenden prägen: Konfuzianismus, Taoismus und Buddhismus. Im Folgenden möchte ich zunächst ihren Einfluß auf die Medizinschulen darlegen.

Konfuzianismus und der Mensch als gesellschaftliches Wesen

Der Klassiker der chinesischen Medizin, das Huang Di Nei Jing / Su Wen beschreibt die Aufgaben des Arztes: Die Weisen behandeln nicht diejenigen, die bereits erkrankt sind, sondern diejenigen, die noch nicht erkrankt sind. Sie ordnen (ihren Staat) nicht erst (in einer Situation des) Aufruhrs, sondern bereits bevor ein Aufstand entstanden war“. Konfuzius betrachtete den Mensch als Individuum durch seine gesellschaftliche Rolle und seinen Status charakterisiert. Ein wohl strukturierter, harmonischer Mensch in einem ebensolchen staatlichen Gefüge, der nur deswegen harmonisch ist, weil er sich seines Stellenwertes bewußt ist. Im Konfuzianismus als der Weltanschauung, die ganz Asien bis heute entscheidend prägt, erhält der Mensch seine Individualität durch die Gesellschaft.

Das daraus resultierende Medizinmodell – vertreten in der 5-Wandlungsphasen-Schule (wie sie vor allem im Westen von der Worsley-Schule/England zu finden ist) besticht durch klare Regeln und Gesetzmäßigkeiten, durch Hierarchien und die Beschreibung des Mikrokosmos Mensch als einen Staatsapparat mit einem Kaiser, Ministern und Beamten, mit Hauptstädten, Palästen und Wegen/Kanälen. Dieses Denken finden wir in vielen Bereichen der 5 – Wandlungsphasen – Lehre und davon abgeleitet in der Systematik der Zang Fu (Speicher- und Hohlorgane) wieder. Dort ist dann beispielsweise die Rede von dem Herzen als dem Kaiser, der die Verbindung zum Himmel herstellt und seine Ideen und seinen prägenden symbolhaften Einfluß den Beamten – also den anderen Zang- mitteilt. Oder es werden Kontroll-, Erzeugung und Überwältigungs-Reihenfolgen hervorgehoben, nach denen die Harmonie der Zang Fu nach dem Gesetz der 5 Wandlungsphasen gewährleistet ist.

Taoismus – der Mensch im Kosmos

Der Taoismus begründet sich auf das Dao De Jing (Tao Te King), welches Laotse ungefähr zeitgleich mit Konfuzius im 4./5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung verfaßt hat. Im Verlauf der Jahrtausende hat der Taoismus zahlreiche Varianten in der Medizingeschichte geschaffen und somit auch vielfältigste Spuren in der chinesischen Medizin hinterlassen. Ausgehend vom Menschen als winzigen bedeutungslosen Bestandteil des Dao, der dem Entstehen und Vergehen wie alles auf dieser Welt zwischen Himmel und Erde unterliegt, sah der Taoist seine innere Gesundheit, seine Stärke und das Glück darin, daß er im Dao lebend aufgeht in der Harmonie des Weltenlaufs. Krankheit bedeutet, nicht im Dao zu leben, gegen den Lauf der Welt zu handeln. Nicht zu handeln, nicht einzugreifen – „Wu Wei“ – das war die Maxime der Taoisten.

Verschiedene Richtungen des Taoismus sind bis heute noch als „Schulen“ der chinesischen Medizin erhalten. So die vom Taoismus übernommenen Ideen der Dämonenmedizin mit den 5 „Seelen“, von denen die individualisierende Geistseele Hun und die Körperseele Po sowie der Shen des Himmels lange vor Laotse als Faktoren und Erscheinungsorte psychischer Störungen bekannt waren. Wenn wir uns heute im Rahmen der chinesischen Medizin mit der Psyche des Menschen beschäftigen, kommt das Konzept der „5 Seelen“ zum tragen. Der sexuelle Taoismus, der das erklärte Ziel der Langlebigkeit bzw. Unsterblichkeit durch sexuelle Praktiken zu erreichen suchte, findet auch heute noch seinen Niederschlag in Yoga-Techniken. Der religiöse Taoismus hingegen ist in seiner praktischen Relevanz auf den asiatischen Raum beschränkt. Das dem Begründer des Taoismus, Laotse, zugeschrieben Dao De Jing (Tao Te King) ist heute wie vor zweieinhalb tausend Jahren als Leitfaden für die am Tao ausgerichtete Lebensgestaltung hochaktuell.

Pharmakologische Konzepte fanden ihren Niederschlag in der heute immer bekannter werdenden chinesischen Pflanzenheilkunde. Erste Systematisierungsversuche wurden in den ersten Jahrhunderten nach der Zeitenwende im Verlauf der Suche nach einer „Pflanze der Unsterblichkeit“ unternommen.

Buddhismus und der achtfache Pfad zum Glück

Taoismus und Konfuzianismus begleiteten 600 Jahre lang die Vereinheitlichung und die kulturelle Blüte des chinesischen Reiches, bis nach Niedergang der Han-Dynastie im 3./4. Jahrhundert mit der Verfall des Reiches in mehrere einzelne Dynastien und der relativen Auflösung übergreifender gesellschaftlicher Strukturen – die vor allem von konfuzianistischen Gedanken geprägt waren- eine zunehmende Besinnung der Menschen auf ethische/moralische Qualitäten des Individuum zu verzeichnen waren. Der Buddhismus – zwar etwa zeitgleich mit den anderen Weltanschauungen in Indien entstanden- prägte diese Zeit. Im Vordergrund standen nunmehr die individuelle Verantwortung jedes Menschen für sein Leben und die zukünftigen Leben. Der Weg zum Glück wurde durch den „achtfachen Pfad“ beschrieben:

1. Leben ist Leiden

2. Dieses Leiden hat eine Ursache, nämlich die Sehnsucht zu leben und das Verlangen nach sinnlichem Vergnügen

3. Es besteht die Möglichkeit, dieses Leiden zu beenden

4. Der Weg, dieses Leiden zu beenden, liegt im Beschreiten des Achtfachen Pfads, der wiederum in

rechten Anschauungen

rechten Absichten

rechter Rede

rechtem Handeln

rechter Lebensführung

rechten Anstrengungen

rechter Gesinnung

rechter Konzentration

besteht.

Seinen Niederschlag fand der Buddhismus in der Heilkunde in enger Verknüpfung mit den taoistischen Vorstellungen, . Wir finden in den klassischen Texten – hier seien vor allem die Schriften von Sun Si Miao erwähnt- eine Betonung der Harmonie der Emotionen.

Diese drei grundlegenden Weltanschauungen prägten die chinesische Medizin in ihrem Menschen- und Gesellschaftsbild. Was die therapeutischen Konsequenzen betrifft, so gab es im Taoismus und auch im Buddhismus durchaus nihilistische Tendenzen, war doch der eine an einem Aufgehen im Dao und der andere an einer moralische-ethischen Perfektionierung als Boddhisattva nach den Wiedergeburten orientiert.

Die klassischen Texte und ihr Einfluß auf die chinesische Medizin

Die Theorie von Yin und Yang ist als ältestes Denkmodell für Mikro- und Makrokosmos schon in den Jahrhunderten lange vor der Entstehung des Nei Jing Grundlage des Menschenbildes gewesen. Die klassische Literatur gerade zu der u.g. Periode des Neokonfuzianismus bietet zahlreiche Beispiele an Disputen über die Dominanz der einen oder anderen Kategorie bei der Entstehung von Krankheiten. Die Einteilung von Störungen nach diesen zwei Kategorien fand ihre Fortsetzung und Ergänzung im Shang Han Lun (s.u.) während der späten Han-Dynastie in den 8 Leitkriterien (Yin-Yang, Kälte-Hitze, Innen-Außen, Fülle-Leere).

Erste erhaltene Quellen über die praktizierte Heilkunde in China sind gefunden worden in den Grabbeilagen des Grabes von Ma Wang Dui aus dem 2, vorchristlichen Jahrhundert. Hier wird das Leitbahnsystem u.a. erstmalig beschrieben.

Das Huang Di Nei Jing Su Wen ist der Klassiker der Heilkunde. In ihm sind die heute immer noch aktuellen Abhandlungen über den gesunden und kranken Menschen zu finden. Sein zweiter Teil, das Ling Shu, ist auch als „Nadelklassiker“ bekannt. Hier dreht es sich um Behandlungsprinzipien und Techniken, aber auch um die mentalen Voraussetzungen zum Behandeln.

Etwas später, in der späten Han-Dynastie im ersten Jahrhundert, wurde das Nan Jing („Klassiker der Schwierigkeiten“) verfaßt. Das Nan Jing ist die Basis wichtiger Lehrmeinungen, die in den letzten Jahrzehnten im Westen vertreten und vor allem auch an die Erfordernisse unseres Kulturkreises angepaßt wurden. Erwähnt seien hier die Theorie der Himmelsstämme und Erdenzweige, die als Ergänzung und Erweiterung der 5-Wandlungsphasen-Lehre des Nei Jing gelten kann. Auch wesentliche Aspekte der „Worsley-Schule“ und der heute in Japan/Korea verbreiteten Akupunkturmethoden berufen sich auf dieses klassische Werk.

Das Neijing mit seinen beiden Teilen Ling Shu und Suwen sowie das Nan Jing sind die großen Klassiker, auf die sich letztlich alle Autoren der folgenden zweitausend Jahre berufen.

Im 3. Jahrhundert unserer Zeitrechnung ist das Shang Han Lun entstanden. Sein Verfasser, Zhang Zhong Jin, ging von der Ätiologie des Eindringens pathogener Energien in den menschlichen Organismus in Form von Kälte aus. Durch den Befall immer tieferer Schichten des Organismus und im Verlauf einer Abwehrreaktion des Körpers werden die Leitbahnen als Paare zusammengefaßt und so 6 Schichten/Ebenen bildend, die Zang und die Fu von dieser pathogenen Energie befallen und können auch -das ist vor allem in der heutigen Zeit der häufigen Unterdrückung von Abwehrreaktionen durch Antibiotika/Corticoide wichtig- auch zeitlebens ohne akute Symptome im Körper verbleiben. Diese Theorie ist relevant -was die konkrete Therapie betrifft- vor allem für die chinesische Pharmakologie, für die zahlreiche Rezepturen in diesem Werk immer noch eine grundlegende Bedeutung in der Praxis haben.

Der oben erwähnte Sun Si Miao (7. Jahrhundert) ist von Bedeutung, wenn es zum einen um die Verbreitung buddhistischer Gedanken in der chinesischen Heilkunde geht, zum anderen hat er aber auch außerordentlich grundlegende Beiträge zur Pädiatrie, Gynäkologie und Geburtshilfe verfaßt.

Zu Beginn des zweiten Jahrtausends wurden -nach der taoistisch geprägten Blütezeit der Tang-Dynastie und einem intensiven kulturellen/heilkundlichen Austausch mit den islamischen Staaten- im Verlauf neokonfuzianistischer Bestrebungen die Systematisierungen der Heilkunde vorangetrieben. Die bis dato rein empirische, symptomorientierte Pharmakologie wurde nach der Systematik der 5 Wandlungsphasen und der Zang Fu – Therorie überarbeitet und somit erstmalig eine gemeinsame Basis von Akupunktur und Pharmakologie geschaffen.

Li Kao, auch als Li Dong Yuan bekannt, ist der Begründer der „Schule der Mitte“. In seinem Werk „Pi Wei Lun“ (Abhandlung über Milz und Magen) geht er von der überragenden Bedeutung von Milz und Magen für die Aufnahme von Yang und Yin gleichermaßen aus. Konsequenterweise ist der therapeutische Ansatz dieser Schule in der Stärkung des Verdauungs-und Assimilationssystems.

Heutzutage verbreitete Ernährungsstrategien, die vor allem von der Vermeidung roher, unbearbeiteter und ungekochter, also vom Temperaturverhalten her „kalter“ Nahrungsmittel ausgehen, berufen sich auf diese „Schule“.

Das Wen Yi Lun entstand in der Ming-Dynastie vor etwa 350 Jahren. Dieser Klassiker geht aus von der krankmachenden Wirkung der Hitze („Abhandlung über Wärmeepidemien“, Wen Bing). Dieses 4-Schichten-Modell (Erkrankung von Wei, Qi, Ying und Xue) ist wiederum vor allem für die Behandlung mit Heilpflanzen relevant und als Erklärungsmodell für die Pathologie und Pathogenese von außen eindringender, sprich: Infektionskrankheiten.

Diese Zusammenstellung erhebt keinen Anspruch auf eine wie auch immer geartete Vollständigkeit, zumal zahlreiche klassische Texte noch nicht in westliche Sprachen übersetzt worden sind.

Die chinesische Medizin ist also ein im Verlauf von etwa 3 Jahrtausenden gewachsenes Heilsystem, das sich auch immer weiter entwickeln wird. Die verschiedensten Klassiker, die das chinesische Denken prägenden Weltanschauungen (auch die Umgestaltungen Mao Tse Tungs) – sie haben alle ihre Spuren in dem Gebilde hinterlassen, was wir heute als „chinesische Medizin“ möglicherweise erlernen wollen. So wie es in einer lebendigen Welt den ständigen Wandel gibt, sowenig es Standardrezepte für das kranke Individuum gibt, sowenig gibt es auch ein feststehenden, in allen Zeiten und Situationen richtiges Denkmodell für die Behandlung des Kranken und zur Gesunderhaltung.

Die Tatsache, daß ein Heilsystem auch ein kulturelles und soziales System widerspiegelt, läßt zwei Konsequenzen notwendig werden:

Um die Essenzen der chinesischen Medizin begreifen zu können, muß der heutige Therapeut im Westen sich zunächst einmal mit den authentischen Wurzeln beschäftigen.
In der Behandlung und somit der Anwendung dieses Heilsystems in unserer Welt sollten die besonderen Verhältnisse dieses unseres Umfeldes berücksichtigt werden und die chinesische Medizin bei uns anwendbar machen.

Diese Postulate zu erfüllen haben sich die seriösen Ausbildungsstätten in Deutschland zur Aufgabe gemacht. In einer qualifizierten Ausbildung (vom Umfang und vom Inhalt her) lernt der Adept der chinesischen Medizin, „Schulen“ und Lehrmeinungen aus dem Kontext heraus zu begreifen, vor allem aber sich als individueller Therapeut ganzheitlich in die Behandlung einzubringen und so der Persönlichkeit des Patienten gerecht zu werden.