Augenkrankheiten und chinesische Medizin (TCM)

In der chinesischen Heilkunde richtete man sich – wie in jeder anderen alten Medizin auch – nach Veränderungen des Äußeren, um so die Krankheit im Inneren erkennen zu können. Das setzt immer voraus, dass der Arzt Beziehungen herstellen kann zwischen Innen und Aussen, also auch zwischen dem Sein und dem Schein. Die Sinnesorgane sind hierbei herausragende “Spiegel der Seelen” – und somit auch der inneren “Organe”. Sie sind deren Öffnungen nach aussen. So zeigt sich aus Sicht der chinesischen Medizin der Zustand der Niere in den Ohren/Hören, der der Lunge in der Nase/Riechen, dcer der Milz im Mund/Schmecken und des Herzens in der Zunge/Sprechen. Und:
Die Leber öffnet sich im Auge

„Trink, o Augen, was die Wimper hält, von dem goldnen Überfluß der Welt!“
Gottfried Keller

Aus Sicht der chinesischen Medizin eröffnet sich dem Menschen mit dem Öffnen der Augen die Außenwelt. Durch sie öffnen wir unsere Persönlichkeit, Impulse gehen sowohl von innen nach aussen – wenn wir unsere Augen „sprechen“ lassen- und von aussen nach innen. Jeder weiß aus Erfahrung, dass Blicke verschiedene Varianten aufweisen können: wir können etwas nebenbei wahrnehmen, ohne es bewusst zu registrieren, wir können etwas eingehend betrachten, wir können aber auch jemanden mit stechendem Blick regelrecht fixieren. Das eigentlich Entscheidende jedoch wird nicht mit dem genauen, scharfen Blick der Augen wahrgenommen, sondern mit der ahnungsvollen, unscharfen und umfassenden Tiefe des Herzens:

„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“.
Antoine de Saint-Exupery

Oder, wie es eine chinesische Redewendung ausdrückt für eine emotionslose, kalte und nüchterne Betrachtung des Anderen:

Leng Yan Pang Guan 冷眼旁觀 – kalter Blick, von der Seite zusehen

Ist eine gemeinsame Ebene zwischen zwei Menschen vorhanden, gibt es zwischen ihnen keine Blockade, keine Hemmungen und Hindernisse, dann kann die Wandlungsphase Feuer und somit die Herzensenergie durch die Augen sprechen. Gefühle, Einfühlungsvermögen, die Liebe auf den ersten Blick, Sympathie – die Voraussetzung für die für diese zwischenmenschlichen Beziehungen notwendigen Gefühle ist ein „gemeinsamer Draht“ – und dieser wird durch die visuelle Kontaktaufnahme geschaffen.

Die Leber hat aus Sicht der chinesischen Medizin die Aufgabe, die Verbindung zwischen dem Selbst, den eigenen Interessen und Impulsen und der Aussenwelt herzustellen. Sie regelt die Art und Weise, wie wir mit der Welt in Kontakt treten und uns in ihr, mit unseren Mitmenschen ebenso wie mit dem gesamten soziokulturellen Umfeld auseinandersetzen. Die Augen sind hierbei das Fenster, das wir öffnen, schliessen, „verrammeln“ oder mit Vorhängen versehen, aber auch sperrangelweit öffnen oder gar völlig „rahmenlos“ lassen können.

Ebenso wie die Augen zählen auch die Muskeln zum „Aufgabenbereich der Leber. Dies ist auch an der Koppelung beider Aktionen zu erkennen. Die Muskeln gehen dorthin, wohin das Auge blickt: Die Blickrichtung gibt die Richtung der Handlung vor, wie jeder sicherlich schon einmal beispielsweise beim Autofahren bemerken konnte, wenn der Fahrer in der Dunkelheit auf die Scheinwerfer eines entgegenkommenden Fahrzeugs sieht und wie magisch von diesem angezogen wird. Empfohlen wird deshalb der Blick auf den Fahrbahnrand. Ein anderes sehr anschauliches Beispiel ist das (Zen-) Bogenschiessen. Auch hier kommt es weniger darauf an, via „Kimme und Korn“ das Ziel anzuvisieren, sondern es bewusst im Auge zu halten und es dann aus der Bewegung heraus zu treffen.

Wenn wir nun die Augen als Ausdruck der Öffnung der Wandlungsphase Holz und des Zang (Speicherorgans) Leber nach außen betrachten, und somit als die Instanz der vielzitierten und propagierten „Selbstverwirklichung“, so wird klar, dass sich Unregelmässigkeiten auf diesem Weg auch in Störungen des Sehens bemerkbar machen. Die Leber ist der grosse Stratege, der unseren Lebensweg festlegt, aber auch Tag für Tag Entscheidungen und Impulse nach außen vermittelt. Die Gallenblase ist hierbei die „letzte Instanz“, die dafür Sorge trägt, dass alles zur rechten Zeit am rechten Ort im richtigen Mas geschieht.
Hier nun einige Disharmonien der Leber, und wie sie sich im Sehvermögen bemerkbar machen:

Das Holz kann sich nicht frei entfalen: Leber-Qi-Stau:
Das Charakteristische an diesem Muster ist der innere Druck, der ständig empfunden wird. Er resultiert aus einer fehlenden Flexibilität, mangelnder Anpassungsfähigkeit des Menschen auf Veränderungen jedweder Art: Es passiert etwas nicht so, wie man es sich vorgestellt hat; oder das Wetter ändert sich; oder andere machen etwas nicht so, wie man es sich selber/für sich selber tun würde…Wut, Ärger, Reizbarkeit sind die Folge, und dann steigt einem „das Blut in den Kopf“ mit der Folge einer Druckerhöhung in selbigem. Es kommt beispielsweise dann zu Kurzsichtigkeit. D.h. dass man nur in der Nähe sehen kann und die Fixierung auf das Naheliegende beschränkt. Es fehlt der „Weitblick“, der Blick für die Konsequenzen ebenso wie die Wahrnehmung womöglich berechtigter Interessen und Anliegen der anderen. Fehlender Weitblick verhindert die Beurteilung der Folgen des eigenen Tuns. Auch der Astigmatismus gehört zu diesem Muster: Eingezwängt sein in aus der momentanen subjektiven Sicht unlösbaren Konflikten bewirkt eine Einengung des Sehfeldes. Auch und vor allem beim Glaukom: Der erhöhte Augeninnendruck zeigt den inneren emotionalen, langjährigen Druck. Vielleicht auch, wenn man nicht in der Lage ist, eine tiefe Berührung durch Emotionen, Gefühle nach aussen weiterzuleiten, sich nicht ausdrücken kann.

Bei einer anderen Störung wiederum zeigt sich eine mehr oder weniger ausgeprägte Hitzesymptomatik im Bereich der Augen. Hitze, die u.U. sehr zerstörerisch wirken kann. Dieses Muster des zun sehr erhitzten Holzes, des „aufsteigenden Yang der Leber“ bedeutet, dass der Mensch ruhelos und unstet ist, dass er „Hummeln im Popo“ hat. Er verspürt dann weniger den Druck im Kopf oder im Augenbereich. Eher Hitzegefühle oder -zeichen wie Rötungen und Entzündungen. Diesen Menschen fehlt der Aspekt des „Innehaltens“, des Reflektierens. Sie sind häufig „workaholics“ und finden sich dann als ausgebrannte, energetisch entleerte Patienten bei uns ein.

„Die, welche mittels Streben und Hoffen nur in der Zukunft leben, immer vorwärts sehen und mit Ungeduld den kommenden Dingen entgegeneilen, als welche allererst das wahre Glück bringen sollen, inzwischen aber die Gegenwart unbeachtet und ungenossen vorbeiziehen lassen, sind trotz ihrer altklugen Mienen jenen Eseln in Italien zu vergleichen, daß an einem ihrem Kopf angehefteten Stock ein Bündel Heu hängt, welches sie daher stets dicht vor sich sehn und zu erreichen hoffen“.
Schopenhauer, Aphorismen zur Lebensweisheit V, 5

Diese Patienten leiden dann vielleicht unter vorzeitiger Alterung des Auges in Form der Weitsichtigkeit: Das bedeutet, dass sie nicht den Moment wahrnehmen können, also das Nahe liegende. Sie tendieren dazu, immer einen Schritt voran zu sein und den Augenblick nicht geniessen und reflektieren zu können. Oder bei der chronischen Konjunktivitis: Der Druck lässt dann u.U. die Äderchen in der Bindehaut sich entzünden oder gar platzen.

Ist das Holz in seiner Grundlage, seiner Basis in der Wandlungsphase Wasser entleert, dann ist das als die “Schwäche des Yin von Leber und Nieren” schon das Resultat länger dauernder, das Substrat erschöpfender Störungen. Bei Kindern sind sie Ausdruck heftiger Spannungen im Elternhaus, wie beispielsweise der Strabismus: Das Schielen ist Ausdruck der Orientierungslosigkeit, der fehlenden Sicherheit, die der jungen Persönlichkeit im Wesentlichen durch die Klarheit und das Vorbild von Mutter und Vater vermittelt wird. Der Graue Star: Das Schwarze im Auge, also die Pupille, gilt für die chinesische Medizin als Hinweis für die Wandlungsphase Wasser, bzw. die Nieren-Energie. Ist dieses Schwarze wie beim Katarrakt grau oder weiss geworden, so bedeutet das, dass der alte Mensch seine Nierenenergie nicht im Prozess des Älterwerdens ausreichend genährt hat. Er ist nicht weise geworden, er hat nicht die Klarheit/Abgeklärtheit des Alters erreicht. Schwerwiegende und mehr akute Erkrankungen wie die Netzhautablösung, Makuladegeneration u.a. gehen im wahrsten Sinne des Wortes an die Substanz. Sie sind Ausdruck einer tiefen Erschöpfung, für diese Patienten bricht die Welt zusammen mit der nicht mehr vorhandenen Wahrnehmung zusammen – zumal sie gerade sehr auf das Sehen und die Aussenwelt angewiesen waren, auch in ihrem Verhalten eine ausgeprägte Aussenorientierung bewiesen hatten. Der drohende oder tatsächliche Verlust der Sehkraft bedeutet dann eine traumatische, erbarmungslose Hinwendung nach Innen.

Andreas A.Noll
www.praxis-noll.de