Antibiotika bei Husten?

Britische Forscher haben untersucht, was die moderne Medizin gegen eine Erkältung ausrichten kann. Die Erkenntnis: Ärzte können nicht helfen – Medikamente auch nicht. Und trotzdem verlässt kaum ein Patient die Praxis ohne Rezept.
Von Klaus Koch

Mitunter ist es ja gerade dann, wenn das Thermometer mehr als 30 Grad anzeigt, die beste Zeit, Vorurteile zum Thema Erkältung zu überprüfen. Den Anlass liefert nicht nur die Sommergrippe, die derzeit kursiert, sondern auch eine Studie aus Großbritannien: Ärzte haben dort nämlich erprobt, was die moderne Medizin gegen eine Erkältung so ausrichten kann.

Ihre Erkenntnis: Die alte Weisheit „Ohne Arzt dauert die Erkältung 14 Tage, mit Arzt zwei Wochen“ ist falsch. Ein Husten dauert eher drei Wochen. Allerdings bleibt es dabei: Ärzte können kaum helfen. Und Medikamente auch nicht.

Die Studie, die jetzt im Journal of the American Medical Association abgedruckt ist, hat einen ernsten Hintergrund. Einfache Erkältungen gehören in England wie in Deutschland zu den häufigsten Anlässen, einen Hausarzt aufzusuchen. Und in vielen Fällen verlassen die Patienten die Praxis mit einem Rezept für Antibiotika.

Gegen Viren wirkungslos
Die Massenverschreibung findet statt, obwohl Fachleute seit Jahren darauf hinweisen, dass mindestens neun von zehn Erkältungen von Viren ausgelöst werden. Und gegen die sind Antibiotika grundsätzlich wirkungslos. Diese Medikamente können nur Bakterien bekämpfen.

Um das Bewusstsein für den Antibiotika-Missbrauch zu schärfen, haben die britischen Hausärzte Patienten mit akutem Husten überzeugt, an einer Art Lotterie teilzunehmen. Es blieb dem Los überlassen, wie die Patienten behandelt wurden.

Ein Drittel von ihnen wurde ohne Arzneien nach Hause geschickt, ein weiteres Drittel erhielt ein Antibiotika-Rezept und mit dem letzten Drittel trafen die Ärzte eine besondere Absprache: Diese Patienten durften sich ein Rezept abholen, wenn sie sich nach zwei Wochen nicht besser fühlten.

Gleich, welcher Gruppe sie angehörten: Den 560 Erkälteten erging es praktisch identisch. Selbst die prompte Antibiotika-Gabe hatte keinerlei Wirkung auf den Husten. Im Durchschnitt war die Erkältung in allen drei Gruppen nach 21 Tagen abgeklungen – bei einem Viertel der Patienten dauerte sie sogar länger als vier Wochen. Eine schwache Wirkung hatten Antibiotika möglicherweise auf Symptome wie Abgeschlagenheit oder Schlafstörungen, deren Dauer sich um knapp einen Tag verkürzte.

Auf Wunsch der Kranken
Doch dieser kleine Nutzen „reicht nicht aus, um den Einsatz von Antibiotika bei Erkältungen zu rechtfertigen“, sagt Dieter Köhler, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie. Schließlich begünstige der Masseneinsatz der Antibiotika die Ausbreitung resistenter Bakterien, so dass die Medikamente dann gegen schwere Erkrankungen wirkungslos werden. Zudem haben Antibiotika auch Nebenwirkungen, unter anderem schädigen sie die wichtige Darmflora.

Köhler bekräftigt, dass ein akuter Husten eigentlich nicht behandelt werden muss, solange es keinen Hinweis auf eine Lungenentzündung gebe. Erst wenn sich der Husten nach zwei Wochen nicht gebessert habe, sei eine Therapie angebracht.

Dass auch in Deutschland so viele Antibiotika gegen Erkältungen verschrieben werden, liege vor allen an den Wünschen der Kranken. „Viele Patienten erwarten einfach ein Rezept“, sagt Köhler. Die Ärzte entschieden sich dann für Antibiotika, Hustenlöser oder Arzneien zur Stärkung der Immunabwehr. Im Prinzip aber handele es sich bei all diesen Mitteln um „Edelplacebos“.

(SZ vom 22.6.2005) Hauptsache ein Rezept